Julia Ortner

Kommentar

Julia Ortner

Kommentar: Die Sehnsucht nach Gespräch

VN / 17.08.2026 • 12:13 Uhr

1984 war die Welt noch eine andere, auch bei den ORF-Sommergesprächen. Da saß der damalige Herr Bundeskanzler entspannt im Garten seines Privathauses im Burgenland, um ihn herum wucherte der Efeu. „Ich zahle noch monatlich den Kredit fürs Haus ab“, sagte Fred Sinowatz. Ein Kanzler, der bei einem Sommerinterview über seinen Hausbau und seinen Kredit plaudert, da würden heute alle Berater in Ohnmacht fallen. Dieses Interview ist ein Spiegel der Entspanntheit einer Zeit, als der politmediale Betrieb noch nicht so schnell, durchtrainiert und professionalisiert war.

Wenn derzeit wieder diverse Parteispitzen oder Landeshauptleute in den Sommerserien der Zeitungen und des ORF interviewt werden, ist das Setting zumeist kühler und die Stimmung konzentriert. Die Gesprächskultur hat sich über die Jahre auch wegen der Beschleunigung, der man im politmedialen Betrieb in besonderer Weise unterworfen ist, sehr verändert. Wir leben nach dem Befund des Soziologen Hartmut Rosa in der „Beschleunigungsgesellschaft“, die trotz technologischer Beschleunigungsraten von einem Mangel an Zeit geprägt ist.

Momente der Entschleunigung

Es sind immer kürzere Zyklen, durch die wir atemlos hetzen, Politikpersonal und Medienleute. Die Politik-Sommerspiele werden von den Kommentaren auf den Social-Media-Plattformen begleitet, Redaktionsschluss ist immer oder auch nie. Deshalb ist der aufrichtige Versuch, ein politisches Gespräch mit Momenten der Entschleunigung zu führen, so wichtig. Anhand des großen Erfolgs von Podcast-Formaten, bei denen sich die Gesprächsteilnehmer wirklich Zeit füreinander nehmen, wie etwa dem „Alles gesagt?“-Podcast der „Zeit“ oder „Hotel Matze“ von Matze Hielscher, kann man ablesen, dass viele Menschen heute eine Sehnsucht nach Gespräch verspüren.

In einer schnellen, verunsicherten Welt brauchen wir eine Öffentlichkeit, in der wir einander begegnen und uns austauschen können. Der im vergangenen März verstorbene große Sozialphilosoph Jürgen Habermas hat sich bis zuletzt mit der Veränderung der Welt auseinandergesetzt, er sah dabei eine Gesellschaft, die in „Halböffentlichkeiten“ zerfällt und ihre gemeinsamen Bezugspunkte verliert. Alle kommunizieren demnach in ihrem Teil der Öffentlichkeit vor sich hin, viele haben noch nicht gelernt, sich in der digitalen Öffentlichkeit adäquat zu verhalten. Sie bleiben Inseln in der digitalen Welt, jede, jeder für sich. Bis möglichst viele von uns besser gelernt haben, sich verantwortungsbewusst zu verhalten – umso wichtiger ist es auch, Inseln anzubieten, in denen ein echtes Gespräch und ein interessierter Dialog mit anderen stattfinden.

Julia Ortner ist Journalistin mit Vorarlberger Wurzeln, lebt in Wien und ist Redaktionsleiterin von ORF.at.