Kommentar: Rufer in der Wüste (2)
Auch unser Bundespräsident reihte sich ein: “Selbst die schönste Heimat wird bei 40 Grad unbewohnbar!” Zu verzweifelten Rufern gesellen sich in letzter Zeit auffallend viele Frauen, sagt Frau Ammann, Wissenschaftlerinnen, die die unbequemen Wahrheiten jenseits von Alarmismus klipp und klar zu formulieren wissen. Die Politökonomin Maja Göpel ist zurzeit eine ihrer stärksten Stimmen.
Kein Wunder auch, dass im brennenden Europa immer mehr Klimaforscher vor die Kameras treten, um auch noch dem letzten Klimaleugner klarzumachen, wohin die Reise geht, wenn wir nicht endlich an großen Schrauben drehen, um die angekündigten Klimaziele zu erreichen. Jeder vernünftige Mensch weiß, dass Klimaschutz nur als globale Aufgabe zu lösen ist, da das Klima bekanntlich keine Ländergrenzen kennt. Maja Göpel wird nicht müde, darauf hinzuweisen, dass nur ein kollektiver Schulterschluss zu effektivem Klimaschutz führen kann: “Wir müssen eine Kosten-Nutzen-Rechnung kommunizieren, welche Schäden und Risiken wir in Kauf zu nehmen bereit wären, damit die Menschen sehen, was der Unterschied zwischen Handeln und Nichthandeln ist!” Nichthandeln ist nämlich teurer.
Dass es Klimaschwankungen schon immer gegeben hat, wie Skeptiker häufig einwerfen, weiß niemand besser als die Klimaforscher; sie waren es ja, die diese Schwankungen durch Bohrkernuntersuchungen im Rahmen der Paläoklimatologie selbst entdeckt und publiziert haben. Allein in den letzten 420.000 Jahren hat es mehrere Warmzeiten gegeben, die wieder von Kaltzeiten abgelöst wurden. Vor 56 Millionen Jahren hatten sich die Ozeane während einer Heißperiode sogar auf 38 °C erhitzt. So abgesichert diese Aussagen sind, so gewiss ist auch der durch menschengemachte Emissionen forcierte Klimawandel nach der industriellen Revolution. Es war nicht der vielgepriesene Hausverstand oder über den Daumen gepeiltes Halbwissen, das uns diese Erkenntnisse gebracht hat, sondern jahrzehntelange Forschungsarbeit und immer genauer werdende Messgeräte (mit tausendfach belegten Daten). Stefan Rahmstorf, einer der anerkanntesten Klimaforscher, stellt dazu trocken fest: “Die Selbstkorrektur ist eines der wesentlichen Merkmale der Wissenschaft. Wissenschaftler sind dafür ausgebildet, die eigenen Einschätzungen immer wieder kritisch zu hinterfragen und sie im Licht neuer Erkenntnisse zu revidieren. Dogmen haben in einem wissenschaftlichen Diskurs keine Chance zu bestehen.” So viel zur Ethik der Forschung, Messgeräte spucken nämlich keine Meinungen aus, sondern nüchterne Daten, die Ignoranten nicht schmecken.
Frau Ammann hat mir noch einen klugen Bestseller mitgebracht, der uns klarmacht, wie radikal wir (also auch die Politik) in unseren Handlungen werden müssen, um den Planeten noch bewohnbar zu erhalten. Der Titel: “Das Ende des Kapitalismus”. Die Autorin: Ulrike Herrmann. These: “Wachstum (das Lebenselixier des Kapitalismus) und Klimaschutz sind nicht vereinbar.” Was dann? Fortsetzung folgt.
Reinhold Bilgeri ist Musiker, Schriftsteller und Filmemacher, er lebt als freischaffender Künstler in Lochau.
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