Kolumne: Heute gönn ich mir die Einser-Panier

VN / 24.08.2026 • 13:30 Uhr
Kolumne: Heute gönn ich mir die Einser-Panier

Freunde aus Deutschland kamen ein paar Tage nach Wien: Hätte ich Lust, mit ihnen essen zu gehen? Hatte ich! Und könnte ich vielleicht ein gutes Restaurant empfehlen? Das war etwas schwieriger, denn sie kamen an einem Montag, und der ist in dieser Stadt ein beliebter Ruhetag. Dann fiel mir ein Lokal im ehemaligen kaiserlichen Gewächshaus im Zentrum ein, in das ich schon früher gerne Freunde aus dem Ausland geführt hatte, und siehe da, es hatte am Abend geöffnet.

Das Restaurant ist so gehobene Mittelklasse, nicht superteuer, aber auch nicht billig. Wunderschönes, aus K&K-Architektur und modernem Interieur abgestimmtes Ambiente, weiße Tischtücher, gestärkte Stoffservietten, eine große Weinkarte; ihr könnt es euch ungefähr vorstellen. So ähnlich wie in dem schönen, alten italienischen Restaurant in der Innenstadt, in das mich eine Woche zuvor ein Freund eingeladen hatte. Vor beiden Abenden stand also die Frage: Was ziehe ich an?

Das ist bei mir noch so eine Sache aus meiner Kindheit. Gut essen gehen, das war immer etwas Besonderes. Das war nichts Alltägliches. Ins Restaurant ging man nur zu speziellen Anlässen, und ein besonderer Anlass bedeutete: strähla, Sunntigshäs, saubere Schuhe.

Und deshalb kann ich nach wie vor nicht in ein gutes Restaurant gehen, ohne mich ein bisschen fein zu machen. Mein üblicher Jeans-T-Shirt-Laufschuhe-Look: Das geht für mich im schönen Speiselokal einfach nicht. Das hat für mich etwas mit Respekt zu tun: vor dem Ambiente des Ortes, der aufmerksamen Umsicht des Personals, der Qualität des Essens.

Deshalb kleidete ich mich an diesem Abend etwas eleganter, und auch meine deutschen Freunde kamen, wie man in Wien sagt, in der Einser-Panier, wir waren gekampelt und dufteten gut, wir setzten uns an unseren edel gedeckten Tisch und bestellten.

Und dann geschah, was eine Woche zuvor auch schon beim feinen Italiener passiert war: Neben uns nahm eine Touristengruppe Platz, die Frauen in Sommerkleidchen, die Männer in Tanktops, ausgewaschenen kurzen Hosen, und mit “kurz” meine ich so kurz, dass die schwitzenden, nackten haarigen Männeroberschenkel auf den roten Lederbänken klebten.

Ja, das kann man natürlich machen. Die Leute wurden auch genau so freundlich bedient wie wir, finde ich total in Ordnung, schließlich liegt dieses Lokal mitten im touristischen Zentrum der Stadt und lebt auch davon.

Aber ein bisschen respektlos finde ich es eben schon. Ich bin da ein Fan des Minimal-Dresscodes der Wiener Staatsoper. Die bittet ihre Besucher und Besucherinnen, auf Folgendes zu verzichten: Flipflops und Badebekleidung, Unterhemden als Oberbekleidung und sehr kurze Shorts. Damit, finde ich, ist man für fast jeden Anlass gut beraten.

Doris Knecht ist Kolumnistin und Schriftstellerin. Sie lebt mit ihrer Familie in Wien und im Waldviertel.