Julia Ortner

Kommentar

Julia Ortner

Kommentar: Das Leben vorwärts leben

Politik / 24.08.2026 • 11:33 Uhr

Wann und wie wird der zermürbende Krieg in der Ukraine ein Ende finden? Welche effektiven Antworten auf den Klimawandel und seine Folgen finden Politik, Wirtschaft und Gesellschaft? Und mit welcher wilden Idee hält Donald Trump die Welt morgen auf Trab? Wir leben in einem Zustand der Ungewissheit. Die Wahrnehmung, dass nichts mehr gesichert ist, der Gedanke, dass das Leben für die nächsten Generationen nicht mehr automatisch besser wird, schmerzen.

Und dennoch, obwohl wir vieles nicht mehr so genau wissen und uns vor allem an den Erkenntnissen der Vergangenheit orientieren können, liegt in diesem Satz des dänischen Philosophen Søren Kierkegaard vom Ende des 19. Jahrhunderts ein Hinweis von ewiger Gültigkeit: „Es ist ganz wahr, was die Philosophie sagt, dass das Leben rückwärts verstanden werden muss. Aber darüber vergisst man den andern Satz, dass vorwärts gelebt werden muss.“

Gegen die Tech-Riesen

Für Menschen, die wie ich im Medienbereich arbeiten, heißt das, die eigene Aufgabe als Dienstleister für die Infrastruktur der Demokratie glaubwürdig zu erfüllen. Freie Medien, die Öffentlichkeit herstellen und dem Publikum seriöse Information anbieten, bleiben wichtig für das demokratische System. Gerade, weil wir mit der Konkurrenz internationaler Digitalkonzerne konfrontiert sind, die immer mehr Werbegelder lukrieren und Menschen von ihren Algorithmen abhängig machen. Die Tech-Riesen haben null Interesse an Gemeinwesen oder korrekter Information, die Menschen als Grundlage der eigenen Meinungsbildung dienen kann; sie schüren vielmehr die destruktiven Gefühle, die im Netz regieren.

Wir Medienschaffende sollen aufklären, Kontrolle ausüben, einordnen, sind heute allerdings vor allem Kuratorinnen und Kuratoren der Informationsflut. Keine allmächtigen „Gatekeeper“, die bestimmen, was das Publikum erfahren soll und was nicht. Bei diesem Tun kann uns Journalistinnen und Journalisten ein grundlegender Gedanke des Schweizer Autors Martin Suter hilfreich sein: „Sich selbst nicht ernst nehmen ist kein schlechter Tipp. Ich glaube, viele Leute nehmen sich zu ernst.“

Für mich ist es an dieser Stelle Zeit, mich von Ihnen, den Leserinnen und Usern, herzlich zu bedanken und als VN-Kommentatorin zu verabschieden, da ich ab Jänner 2027 als ORF-Landesdirektorin in Vorarlberg tätig sein werde. Seit dem September 2017 konnte ich jede Woche meine Gedanken mit Ihnen teilen. Mit vielen von Ihnen war ich regelmäßig im Austausch, Ihre Kritik hat mich zum Nachdenken gebracht, über Ihre Anerkennung und die niveauvolle Diskussion habe ich mich gefreut. Ich werde beides vermissen – das Schreiben und die Unterhaltung mit Ihnen. Aber vielleicht begegnen wir uns bald öfter im echten Leben.

Julia Ortner ist Journalistin mit Vorarlberger Wurzeln, lebt in Wien und ist Redaktionsleiterin von ORF.at.