„Ich lebte nicht mehr, ich vegetierte“: Wie Thomas in die Alkoholsucht rutschte

Erst half ihm Alkohol gegen seine Panikattacken. Dann geriet Thomas immer tiefer in die Abhängigkeit. Er erzählt, wie tief ihn die Sucht fallen ließ – und was ihm schließlich den Weg zurück ermöglichte.
Schwarzach „Es war ein schleichender Prozess.“ Thomas (Name von der Redaktion geändert) hat anfangs nicht gemerkt, dass er zu häufig zum Alkohol griff. „Wir Menschen sind Meister der Verdrängung.“ Und so rutschte er immer tiefer in den Strudel der Abhängigkeit.
Thomas hatte eine schöne Kindheit und Jugend. Er machte eine Ausbildung, verdiente gut und war zufrieden. Doch plötzlich bekam er Panikattacken. Er beruhigte sich mit Alkohol. Mit dem richtigen Pegel war die Sozialphobie scheinbar verschwunden. Der Weg in die Sucht war damit geebnet.
Alkohol als Symptombekämpfer
„Wenn du zu einem Meeting musst, dein Körper aber verrücktspielt und du dich fühlst, als stündest du kurz vor einem Kreislaufkollaps oder Herzinfarkt, lernt dein Gehirn schnell: Nach ein paar Drinks verschwinden die Symptome. Selbst wenn das Meeting morgens um 9 Uhr stattfindet“, erzählt Thomas. „Deine Arbeitskollegen und Vorgesetzten merken es. Man riecht es. Die meisten sagen nur nichts, solange du funktionierst.“
Der Alkohol werde zum Medikament, zum Symptombekämpfer gegen Angst, Depression, Trauer oder Schmerz. „Niemand sagt beim ersten Schluck: ‚So, jetzt werde ich Alkoholiker.‘“ Das wäre zu kurz gedacht. Bei psychischen Problemen kämen mehrere Faktoren zusammen.
Mehrmals in der Notaufnahme
„In meinen schlimmsten Zeiten landete ich mehrmals mit der Rettung in der Notaufnahme. Ich lebte nicht mehr, ich vegetierte zwischen Resignation, Ohnmacht, Suizidgedanken und Verwahrlosung.“ Stinkend, mit verschmutzter Kleidung saß er eines Samstagmorgens an einer Bushaltestelle und nahm heimlich einen Schluck aus seiner Flasche, „weil du es nicht mehr bis nach Hause aushältst“, erzählt er. „Dann weißt du irgendwann, wie weit es heruntergeschneit hat.“ Dass er immer ein Dach über dem Kopf hatte, verdankte er seiner Mutter, die ihm aushalf, wenn die Miete ausständig war.
„Ich lebte allein in einem alten Haus im Dorf. Es war ein schneereicher Winter. Jeden Morgen stapfte ich zum Supermarkt, kaufte Schnaps und etwas Junkfood und hoffte, dass der Bankomat noch einmal Geld ausspuckte“, erinnert er sich an seine dunkelste Zeit. Schließlich brach er körperlich zusammen. „Kurzfristig wirkt Alkohol sehr gut, langfristig wird er zum Brandbeschleuniger.“
Der tiefe Fall
Thomas fiel tief: von einer leitenden Position und späteren Selbstständigkeit zum Sozialhilfeempfänger im Privatkonkurs. „Die Sucht nahm mir sehr viel. Vor allem viele wertvolle Jahre meines Lebens.“ Doch seine Leidensgeschichte hat ihm auch etwas zurückgegeben, was man nicht in Geld messen kann: Dankbarkeit, Zufriedenheit, Demut, Lebenserfahrung und Empathie.
Auf seine Familie konnte er zählen, während sich seine Freunde zunehmend von ihm entfernten. Durch seine Eltern und eine befreundete Sozialarbeiterin schaffte er es, aus der Abhängigkeit herauszukommen. Acht Wochen machte er eine stationäre Therapie im Krankenhaus Maria Ebene.
„Leuchtturm und Hafen zugleich“
Die Mitarbeiter der Suchtfachstelle der Caritas haben ihm „mit ihrer Kompetenz und Menschlichkeit“ sehr geholfen. Ob soziale Beratung oder psychotherapeutische Begleitung: „Wenn es mir sehr schlecht ging, war die Suchtfachstelle Leuchtturm und Hafen zugleich.“
Eine Suchttherapie sei ein langer Prozess, der wahrscheinlich nie ganz aufhöre. „Aber im Alltag denke ich praktisch gar nicht mehr an Alkohol.“ Im Gastgarten denkt er manchmal: „Ein Bier oder Radler wäre jetzt gut.“ Aber nach dem ersten Schluck Apfelsaft oder Zitronensoda sei dieses Gefühl meist schon wieder verschwunden. Mittlerweile ist er gesund, lebt in einer Beziehung, hat ein gutes soziales Umfeld, ist schuldenfrei und berufstätig. „Das habe ich zu einem großen Teil meiner neuen Partnerin zu verdanken.“
Zahlen, Daten, Fakten
Caritas-Suchtfachstelle Jahresbericht 2025
- 1309 Betroffene wurden von der Suchtfachstelle unterstützt.
- 225 Angehörige nahmen Beratung oder andere Angebote in Anspruch.
- Insgesamt gab es 2081 Kontakte bzw. Beratungen.
Angebote und Fallzahlen:
- Suchtberatung illegalisierte Substanzen: 109
- Harnuntersuchungen illegalisierte Substanzen: 124
- Suchtfachstellen Alkohol und Medikamente: 1237
- Suchtfachstellen stoffungebundene Süchte: 9
- Essstörungen: 168
- Anonyme Beratungen: 47
- Wohngemeinschaft: 14
- Ambulant betreutes Wohnen: 25
- Kurzberatungen: 348
Menschen in Vorarlberg, die alkoholkrank sind: zwischen 16.000 und 16.500
Warum schwankt die Zahl?
Die geschätzte Zahl beschreibt alle Menschen mit Alkoholabhängigkeit in Vorarlberg. Die Behandlungszahlen zeigen nur jene Personen, die in einem bestimmten Jahr bei einer Beratungsstelle oder in einem Krankenhaus erfasst wurden. Viele Betroffene nehmen keine Hilfe in Anspruch oder werden bei Hausärzten, in der Psychiatrie oder wegen körperlicher Folgen behandelt, ohne in der Suchthilfe-Statistik aufzuscheinen.