Streiflicht: Er hatte Angst

Die Nacht ist schwarz. Entlang der Autobahn gleißen die Lichter. Eine Baustelle verengt die Fahrbahn. Beide sind müde. Die Fahrerin wird später beteuern, dass sie hoch konzentriert fuhr. Ihr Beifahrer nahm nach eigenen Worten wahr, wie das Auto nach rechts zog. Ein wenig nur. Aber alles geht schnell. Die nächste Ausfahrt naht. Die Markierungen scheinen unklar. Er schaut sie kurz an, dann wieder geradeaus. Wo fährt sie hin? Der Wagen beschleunigt. Da schreit er.
Den restlichen Heimweg fahren sie schweigend. Sie ist als Kind angeschrien worden. Geschieht das heute, versteinert sie. Er kennt für gewöhnlich keine Angst. Überkommt sie ihn doch, verliert er die Fassung. Es ging um Sekunden. „Da kann ich doch keinen Antrag in dreifacher Ausfertigung stellen“, wird er sich später rechtfertigen. Am Abend besprechen die beiden die Heimfahrt noch einmal. Sie lassen sich nicht auf das Spiel ein, wer recht hatte, wer schuld war. Sie erzählen einander stattdessen, was in ihnen vorging.
Das kostet Überwindung. Deshalb bleiben wir so oft in Schuldzuweisungen stecken: Du hast mich angeschrien! Du hast einen Unfall riskiert! Wie anders klingt da: „Ich hatte Angst.“ Wenn wir mehr erklären und weniger beschuldigen würden, sähe manches anders aus.