Streiflicht: Der letzte Tag

VN / 29.09.2026 • 11:00 Uhr
Streiflicht: Der letzte Tag

Der Endspurt ist stressig. An Tisch sieben kam er ins Straucheln. Mit vollem Tablett! Die Kinder kichern. Das übergeht er. Er sieht nicht die Gäste, sondern ihre Bestellung: Vier Vorspeisen, zwei Suppen, drei Mal den Fisch und ein Wildragout. Das Mineralwasser leicht temperiert und statt Rosenkohl ein anderes Gemüse. Welches? Irgendeines, sagt der Mann und winkt ab. Er ist in ein Gespräch vertieft. Wohl was Wichtiges. Wichtiger als die Frage nach Karotten oder Rotkraut. Aber egal, heute ist der letzte Tag.

Noch 18 Betten. Sie hat heimlich mitgezählt. Sperrt die Zimmertür auf und bleibt im Türrahmen stehen. Wie das wieder aussieht! Aber wie auch immer es aussieht, sie hat 20 Minuten. Sie wirft einen Blick ins Badezimmer. Gut, sagen wir, 22 Minuten. Dass sie selbst jetzt, am Ende der Saison, noch so beherzt den Wischmopp zur Hand nimmt, hat einen guten Grund: Heute ist der letzte Tag.

Der letzte Tag. Dann schließt das Hotel für Wochen. Der ganze Tourismusort fällt in eine Art Dornröschenschlaf, ehe Prinz Winter ihn wieder wachküsst. Kellner und Zimmerdienst, Köche und Rezeption fahren nun heim. Oder sie werden selbst Gäste, irgendwo im Süden. Gute Gäste, gewiss doch, die auch im Hotelzimmer nicht vergessen, wozu Mistkübel und Klobesen erfunden wurden.