“Im Dezember werde ich 100 Jahre alt”: Ein Mann zwischen Krieg, Technik und Burgen

Franz Josef Huber erlebt als junger Mann die Schrecken des Krieges. Danach baut er sich als Autodidakt eine ungewöhnliche Karriere auf und wird zum Burgenexperten und Archivar.
DORNBIRN Es ist der erste Tag an der Front, die letzte Offensive in Ungarn. Huber ist damals ein junger Mann, springt in einen Graben und steht plötzlich auf dem Brustkorb eines toten Soldaten. “Das Bild sehe ich immer”, sagt der heute 99-Jährige. “Es war schrecklich.” Kriegserlebnisse, sagt er, vergesse man ein Leben lang nicht.

Arbeit und Krieg
1941 will Huber bei F.M. Hämmerle eine Lehre beginnen, und durch die Mithilfe seines Vaters erfährt der junge Franz zufällig, dass bei F.M. Hämmerle eine Stelle frei ist. Gemeinsam fahren sie mit dem Zug ins Arbeitsamt, Huber erhält die Genehmigung, und für ihn beginnt eine berufliche Laufbahn, die Jahrzehnte dauern wird.
1944 wird er zum Wehrdienst eingezogen. Sein Glück: Huber kann reiten. Als Meldereiter bringt er Nachrichten an die Front. Die Aufgabe ist gefährlich, doch er überlebt. Am 8. Mai 1945 flüchtet er gemeinsam mit seinem Chef. 40 km reiten sie in Richtung Fischbacher Alpen und weiter ins Mürztal. In Bruck an der Mur geraten sie ausgerechnet in die Nähe russischer Kommissare und müssen sich 14 Tage in einem Haus verstecken. Erst an Pfingsten ergibt sich die Möglichkeit zur Heimkehr nach Vorarlberg. Eine andere Erinnerung aus dieser Zeit ist überraschend menschlich: Ein alliierter Offizier sieht den ausgemergelten jungen Mann und gibt ihm ein dickes Stück Weißbrot mit Butter und Honig. “Ein großes Glück war das.”


Nach dem Krieg kehrt Huber zunächst als Elektrogehilfe zu F.M. Hämmerle zurück. Eine Hochschule besucht er nie. Stattdessen bringt er sich alles selbst bei, legt Prüfungen ab und arbeitet sich Schritt für Schritt nach oben. Schließlich wird er Betriebsleiter und leitet von 1966 bis 1986 die Elektroabteilung. In Spitzenzeiten arbeiten dort 256 Menschen. Huber setzt auf Weiterbildung und hält regelmäßig Betriebsunterricht.

Pionier und Erfinder
Seine vielleicht wichtigste berufliche Leistung entsteht aus einem Problem der Textilindustrie: Beim Färben muss der Stoff gleichmäßig feucht sein. Huber entwickelt deshalb ein Messgerät für die Feuchtigkeit im Stoff. “Das war eine große Sache”, erinnert er sich. Die Erfindung spart Arbeit und ermöglicht gleichmäßig gefärbte Stoffe. Für den Autodidakten ist es ein Schlüsselmoment seines beruflichen Aufstiegs.


Auch nach der Pensionierung bleibt Huber seinem Unternehmen verbunden. Ab 1986 baut er das Archiv von F.M. Hämmerle auf. Verträge, Urkunden, Bilder, Stoffmuster, Maschinen und Geräte werden gesammelt und geordnet. Ihm ist wichtig, dass die Geschichte nicht verloren geht. “Man braucht einmal einen Nachfolger für mich”, sagt er heute, und der ist nun auch gefunden.

Der Mann der Burgen
Daneben entdeckt Huber eine zweite große Leidenschaft: die Burgen Vorarlbergs. Aus gesundheitlichen Gründen beginnt er auf Anraten seines Arztes mit dem Wandern und findet Gefallen an den alten Gemäuern. Seit 1964 ist er Obmann des Burgenausschusses des Landes Vorarlberg. Er hält Vorträge in Schulen, beschäftigt sich intensiv mit der Geschichte der Burgen und hat in seinem Leben rund zehn Bücher geschrieben.

Das Leben mit der Familie
Privat ist es die Familie, die für ihn zählt. Seine Frau kennt er bereits aus der Realschule. Sie heiraten in Lech, bekommen einen Sohn und zwei Töchter. Auch im hohen Alter arbeitet Huber weiter an seinem Archiv, inzwischen von zu Hause aus und mit Unterstützung seiner Frau.

Was bleibt nach einem Jahrhundert? Für Huber ist die Antwort erstaunlich schlicht: die Beziehung zum Nächsten. Und die Fähigkeit, mit Maß zu leben. Die heutige Gesellschaft beobachtet er kritisch, besonders den Umgang mit dem Handy.
Zur Person
Name: Franz J. Huber
Geburtsdatum: 30. Dezember 1926
Leidenschaft: Burgen
Lebensmotto: Zufrieden sein und seine Grenzen kennen
Besonderes: 74 Vorträge, 172 Schulunterrichte, 248 Führungen, Exkursionen, 77 Hörfunksendungen und Reportagen, 10 TV-Sendungen, 73 gedruckte Publikationen, 13 Burgrestaurierungen