Kommentar: Zwischen Areligiosität und Transzendenz
Der Besuch von Papst Leo XIV. in Frankreich hat dort eine unerwartete Welle der Begeisterung ausgelöst. Auf seiner Fahrt entlang der Champs Élysées zum Gottesdienst im Zentrum von Paris jubelten ihm 800.000 Menschen zu. 80.000 Jugendliche nahmen an einer Abendvigil teil, und ein ähnlicher Andrang war auf den weiteren Stationen seiner Pilgerreise zu beobachten. Dies überrascht umso mehr, als Frankreich als eines der am stärksten säkularisierten Länder Europas gilt. Obwohl dort neuerdings ein starker Anstieg der Kircheneintritte zu vermerken ist, spielt Religion gesellschaftlich keine große Rolle mehr. Die Kirchen sind verarmt, und nur noch zwei Prozent der Bevölkerung praktizieren den Glauben. Wie lässt sich vor diesem Hintergrund erklären, dass ein religiöses Oberhaupt in einer scheinbar entchristlichten Welt so viele Menschen anzieht?
Ein Hauptgrund liegt in der Persönlichkeit des Papstes. Dieser ist nicht nur höchster Repräsentant der katholischen Kirche, sondern auch eine Symbolgestalt für Nächstenliebe, soziale Gerechtigkeit und Frieden. In einer Zeit der schweren gesellschaftlichen Krisen, der politischen Unsicherheit und der Zukunftsängste kann die Begegnung mit einer Lichtgestalt, welche Hoffnung verleiht, eine besondere emotionale Wirkung entfalten. Dazu kommt die von Tiefgang, Bescheidenheit und Menschlichkeit geprägte persönliche Ausstrahlung von Leo XIV. Seine klaren Worte zum Schutz des Lebens, zu den Missbrauchsskandalen, zu Umwelt und Migration, zur Rückbesinnung auf die christlichen Werte und zur Offenheit für Neues geben vielen Orientierung und Sicherheit.
In der in Frankreich so sichtbar gewordenen Begeisterung für den Papst manifestiert sich aber auch die scheinbar verlorengegangene Sehnsucht der Menschen nach Transzendenz, also nach dem Überschreiten des rationalen Denkens, der wahrnehmbaren Wirklichkeit und der eigenen Möglichkeiten. Gerade in einer von modernster Technik und emotionalem Verhungern, von Schnelllebigkeit und Oberflächlichkeit, von Entsolidarisierung und Narzissmus geprägten Welt stellen sich die zeitlosen großen Fragen: nach Identität und Zugehörigkeit, nach Begrenztheit und Tod, nach dem „Mehr“ hinter dem unmittelbar Sichtbaren, nach der Verbundenheit mit etwas Größerem, nach dem Sinn.
Der Mensch bleibt ein Wesen, das über sich selbst hinausfragt. Auf diese Fragen überzeugende, zeitgemäße und hoffnungsvolle Antworten zu geben, ist die größte Herausforderung für die Religionen.
Univ.-Prof. Prim. Dr. Reinhard Haller ist Psychiater, Psychotherapeut
und früherer Chefarzt des Krankenhauses Maria Ebene.
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