“Ich würde es nie abnehmen” – Schulstreik gegen das Kopftuchverbot in Bregenz

Was Demonstrierende sagen und welche Erfahrungen die Schulen mit dem neuen Gesetz machen.
Bregenz: “Mein Körper, meine Entscheidung” wurde am Freitagvormittag durch die Straßen von Bregenz gerufen. Demonstriert wurde gegen das Kopftuchverbot an Schulen für unter 14-Jährige, das seit 1. September gilt. Während die Demonstrierenden lautstark protestierten, berichten etliche Schulen von einem ruhigen Verlauf bei der Umsetzung des neuen Gesetzes.

Hintergründe
Landeshauptmann Markus Wallner (ÖVP) spricht beim Kopftuchverbot von Gleichberechtigung und dem Schutz von Kindern vor religiösem oder gesellschaftlichem Druck. Demonstrantin Elanor Güner (19) sieht das anders: “Die Motivation hinter diesem Verbot ist kein Kinderschutz, sondern Islamophobie”, meint die Lustenauerin, die selbst ein Kopftuch trägt. “Wenn ein Mädchen Eltern hat, die sie zwingen, hat sie gröbere Probleme als das.”


Keinen Zwang erlebe zum Beispiel Merve Ceper (26). Während einige Mitglieder ihrer türkischstämmigen Familie ein Kopftuch tragen, verhüllt sie ihre Haare nicht. Die Dornbirnerin ist die Verantwortliche des Streikkomitees gegen das Kopftuchverbot in Vorarlberg. Mitorganisatorin der Demonstration war die Revolutionäre Kommunistische Partei. Auch in sechs weiteren Bundesländern waren Schulstreiks mit demselben Anliegen angekündigt.


Auch Luis Birnbaumer (17) aus Lauterach plädiert für Entscheidungsfreiheit. “Solche Narrative nähren die Islamophobie und somit unbegründete Angst”, sagt der Schüler der HTL Rankweil, der selbst keinen muslimischen Hintergrund hat. Da er aufgrund der Demonstration den Unterricht versäumte, rechnet er mit unentschuldigten Fehlstunden. Insgesamt nahmen laut der Landespolizeidirektion Vorarlberg 150 Personen am Schulstreik teil.


Betroffene
“Als ich begonnen habe, es zu tragen, sagte meine Mutter, es sei noch zu früh und ich solle die Zeit ohne Kopftuch länger genießen. Aber ich will es so”, sagt die Demonstrantin Sumeyye Cicek (12) aus Bregenz. Sie bedeckt ihre Haare aus religiösen Gründen und weil sie es schön findet.


Cicek besucht die Mittelschule Bregenz-Schendlingen und trägt das Kopftuch dort weiterhin. Gespräche an der Schule blieben ohne Wirkung, deshalb wurde der Fall der Bildungsdirektion vorgelegt. “Ich würde es nie abnehmen”, betont Cicek. Um das Verbot zu umgehen, wolle sie notfalls eine Perücke tragen oder auf häuslichen Unterricht ausweichen.


Insgesamt gibt es an allen Pflichtschulen und AHS-Unterstufen in Vorarlberg rund 17.000 Mädchen unter 14 Jahren. Der Bildungsdirektion Vorarlberg wurden bisher 13 Fälle gemeldet. In drei davon wurden bereits Gespräche geführt. Da die Betroffenen das Kopftuch weiterhin tragen, wurden diese Fälle zur Anzeige gebracht. Diese kann eine Geldstrafe von bis zu 800 Euro nach sich ziehen. Die restlichen zehn Gespräche stehen noch aus.
Schulen
Zu Anzeigen sei es unter anderem in der Mittelschule Feldkirch-Levis gekommen. Ansonsten beschreibt Direktorin Helene Amann die Stimmung als gut – genauso wie mehrere andere Schulen. “Die Kooperation durch die Eltern ist vorbildlich”, heißt es etwa vonseiten der Mittelschule Bregenz-Rieden. An der Mittelschule Rheindorf in Lustenau und an der Mittelschule Bludenz missachteten zu Beginn insgesamt vier Schülerinnen das Verbot. Alle Fälle ließen sich rasch klären.
Vonseiten der Mittelschule Klostertal wurde mitgeteilt, dass acht Mädchen vom Kopftuchverbot betroffen sind, das Gesetz allerdings von keinem missachtet wurde. An der Sportmittelschule Nüziders sowie der Mittelschule Frastanz gab es vor dem neuen Gesetz kein einziges Mädchen unter 14 Jahren, das ein Kopftuch trug.