Von der Ringermatte in die Backstube

VN / 13.10.2026 • 13:20 Uhr
Jeannie Kessler, früher erfolgreiche Spitzensportlerin, ist seit drei Jahren selbstständige Konditormeisterin.
Jeannie Kessler, früher erfolgreiche Spitzensportlerin, ist seit drei Jahren selbstständige Konditormeisterin. JH

Jeannie Kessler startete nach ihrer Spitzensportkarriere als Konditormeisterin durch.

Bregenz Klein, zart, sportlich, hübsch – und voller Power. Das ist Jeannie Kessler. Früher brachte sie ihre Gegnerinnen auf der Ringermatte ins Schwitzen, heute zaubert die Konditormeisterin in ihrer Muntlixer Backstube Torten, Pralinen und andere süße Kreationen.

Eher durch Zufall fand die gebürtige Feldkircherin zu ihren beiden Leidenschaften. “Meine Mutter hatte ein Inserat gelesen, das für den Ringersport warb, und meinte, das sei genau das Richtige für meine Brüder”, erzählt Jeannie. Sie selbst, damals sechs Jahre jung, nahm Ballettunterricht, wollte ihren Brüdern aber in nichts nachstehen. “Wenn die Buben das machen, will ich das auch”, meinte sie. Also wechselte das Mädchen ebenfalls auf die Matte. Aus dem anfänglichen Mitziehen wurde Leistungssport. Sie schaffte es an die nationale Spitze, sicherte sich einen Platz im Heeressport und vertrat Österreich bei internationalen Events. Auf der Haben-Seite steht etwa ein fünfter Platz bei einer Europameisterschaft. “Es war eine schöne Zeit, ich war oft im Ausland, habe viel gesehen”, schwärmt die 29-Jährige.

Sport Ringen Jeannie Kessler KSK Klaus
Jeannie Kessler (r.) bei der Österreichischen Meisterschaft 2015. K. Stroehle

Schon während der Schulzeit war der zurückhaltenden Jeannie jedoch auch klar, dass sie einen Beruf brauchen würde. Sport konnte keine dauerhafte Perspektive sein. Bei Orientierungsgesprächen entdeckte sie ihre kreative Seite – und bei Schnuppertagen in einer Rankler Bäckerei und Konditorei ihre zweite Leidenschaft: das Backen. Das Kreative gefiel ihr, ebenso die Vielfalt und die Möglichkeit, etwas mit den eigenen Händen zu gestalten, das am Ende nicht nur schön aussieht, sondern auch gegessen wird.

Früher kämpfte die Bregenzern als Ringerin, heute kämpft sie mit Schokolade, Fondant und der perfekten Konsistenz.
Früher kämpfte die Bregenzerin als Ringerin, heute kämpft sie mit Schokolade, Fondant und der perfekten Konsistenz. JH

Also folgte auf den Schulabschluss eine Lehre zur Konditorin. Die Ausbildung absolvierte sie in Rankweil, während sie für den Sport in der Welt unterwegs war. Beides miteinander zu verbinden, verlangte ihr einiges ab. Sie blieb dran und schloss die Lehre erfolgreich ab. “Es war immer ein gutes Gefühl, zu wissen: Wenn es mit dem Sport einmal vorbei ist, kann ich auf eigenen Beinen stehen”, blickt die junge Frau zurück.

Über die Reaktionen auf ihre Kreationen freut sich Jeannie heute so wie früher über sportliche Erfolge. JH
Über die Reaktionen auf ihre Kreationen freut sich Jeannie heute so wie früher über sportliche Erfolge. JH

Bis Ende 2020 betrieb sie das Ringen auf hohem Niveau. Dann war Schluss – unter anderem verletzungsbedingt. Ihre Konditor-Ausbildung war die Basis für den Neustart. 2022 legte sie die Meisterprüfung ab, im Juni 2023 wurde die Patisserie Jeannie eröffnet. Der Schritt in die Selbstständigkeit war groß. Einer, bei dem auch ihr ältester Bruder Malcolm sie ein Stück weit anschob. Die ersten Wochen verliefen ruhig. Aufträge kamen nur vereinzelt. Dann wurden es immer mehr: Hochzeitstorten, Geburtstagstorten, Pralinen, Kekse, saisonale Spezialitäten.

Wie im Sport gilt  für Jeannie auch heute: gute Vorbereitung ist alles.
Wie im Sport gilt für Jeannie auch heute: Gute Vorbereitung ist alles. JH

Für die Auftragspatisserie hat sich Jeannie bewusst entschieden. Mengen und Arbeitsabläufe lassen sich planen, Lebensmittel müssen möglichst nicht übrig bleiben. Gleichzeitig bleibt Raum für das, was ihr an ihrem Handwerk besonders gefällt: neue Ideen auszuprobieren und die süßen Spezialitäten individuell zu gestalten. Manchmal bringen Kunden konkrete Wünsche mit, manchmal entwickelt sie die Gestaltung selbst. Und die Aufgaben gehen weit über das Backen hinaus: von der Werbung und Buchhaltung bis zum Einkauf und zum Putzen – sie rockt alles selbst. “Es ist viel Arbeit, aber auch ein Stück Freiheit für mich”, sagt Jeannie. Auch ihre Persönlichkeit hat sich mit der Selbstständigkeit verändert. Früher war sie eher introvertiert. “Heute muss ich auf Kunden zugehen, Wünsche besprechen und eigene Entscheidungen treffen.”

Ringermatte und Backstube sind für Jeannie zwei Seiten derselben Medaille: Disziplin trifft Kreativität, Kraft trifft Feingefühl. JH

Zur Person

JEANNIE KESSLER
GEBOREN 25. Oktober 1996
WOHNORT Bregenz
BERUF Konditormeisterin
FAMILIENSTAND in Partnerschaft mit Moritz
HOBBYS Sport, Malen
KONTAKT www.patisseriejeannie.at