Stark sein heißt auch loslassen

Susanne Marosch über ihren Lebensauftrag, persönliche Krisen und die Kraft des Neuanfangs.
Hard Susanne Marosch ist eine Powerfrau. Hat sie sich etwas in den Kopf gesetzt, ist sie kaum zu bremsen. Sie packt an, treibt voran, gibt alles. Stets mit sonnigem Gemüt. Doch dann ließ ihre Kraft nach. Es war Zeit, einen Schritt zurückzutreten, langsamer zu werden und gelassener.
Als Obfrau des Leukämiehilfe-Vereins „Geben für Leben” hat die 52-jährige Harderin viel bewegt. 2015 gründete sie Österreichs erste private Stammzellspenderdatei. “Im November werden wir den 1000. Stammzellspender finden, der ein Leben retten kann. Damit verbunden sind 1000 Schicksale”, sagt sie. “Das erfüllt mich mit Demut und Freude.” Für ihr Engagement wurde sie mit dem Dr.-Toni-und-Rosa-Russ-Preis der VN und dem Verdienstzeichen des Landes Vorarlberg geehrt.

Die Notbremse gezogen
Die Umstrukturierung des Vereins vor rund zwei Jahren, um ihn fit für die Zukunft zu machen, brachte Susanne an ihre Grenzen. Sie zog die Notbremse, nahm sich ein paar Tage Auszeit. Dabei erkannte sie, dass der Verein auch dann gut funktioniert, wenn sie das Tempo reduziert. “Jetzt stehen wir sogar besser da als je zuvor.”
“Mir wurde ein Blick auf die andere Seite gewährt. Es war das Schönste, das ich je gespürt habe.”
Susanne Marosch, Obfrau “Geben für Leben”
Anfang des Jahres beschloss sie, ein Buch zu schreiben. Gemeinsam mit Co-Autor Thomas W. Albrecht entstand “Erkenne deinen Auftrag – So fand ich das Geheimnis purer Lebenskraft”. (Bestellen auf gebenfuerleben.at, der Erlös geht zur Gänze an den Verein.)

Mit diesem Buch möchte Susanne Menschen ermutigen, ihr Leben selbstbestimmt zu gestalten. “Freiheit und Unabhängigkeit waren mir schon immer wichtig.” Das Buch ist auch ein “Seelenstriptease”, erklärt sie. Denn darin gewährt Susanne sehr persönliche Einblicke in ihr Leben, das am 11. März 1974 in Schruns begann.
Ihr Start ins Leben war schwierig. Sie war ein Jahr alt, als bei ihr Zöliakie diagnostiziert wurde. Dass sie diese schwere Erkrankung überstand, hat sie gestärkt.
Nur noch Verbrecher gesehen
Ein besonders wichtiger Abschnitt ihrer beruflichen Laufbahn war die Zeit bei der Gendarmerie. Nach der Tourismusschule und Jobs in der Gastronomie trat sie 1995 in den Gendarmeriedienst ein. Sie gehörte zu den ersten zugelassenen Frauen. Sechs Jahre später zog sie einen Schlussstrich. Die tägliche Konfrontation mit Kriminalität, Suiziden und familiären Tragödien machte sie zunehmend zynisch. “Ich sah nur noch Verbrecher”, erinnert sie sich. Auch die strengen Hierarchien in dem männerdominierten Beruf passten immer weniger zu ihrer freigeistigen Haltung und ihrem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn.
Susanne machte sich selbstständig, arbeitete im Personalmanagement. 2011 übernahm sie die Leitung von “Geben für Leben”.

Spiritualität, Mentaltrainings, Ausbildungen in Persönlichkeitsentwicklung und Coaching unterstützten sie dabei, zu sich selbst zu finden und die Maske der stets fröhlichen Susanne abzulegen. Davon profitiert auch ihre Beziehung zu Thomas, der seit knapp fünf Jahren an ihrer Seite ist.
Die Nahtoderfahrung
Geprägt wurde ihre Spiritualität zudem durch eine Nahtoderfahrung. Mit 17 Jahren hatte Susanne gemeinsam mit anderen Jugendlichen einen Autounfall. Sie lag auf der Rückbank und war “nicht mehr da”, wie sie sagt. “Damals wurde mir ein Blick auf die andere Seite gewährt. Es war das Schönste, das ich je gespürt habe. Ich wollte bleiben. Doch ein liebevolles Wesen sagte: Du hast noch einen Auftrag zu erfüllen, es ist Zeit, zurückzukehren.”
Dass dieser Auftrag mit der Leukämiehilfe zu tun hat, davon ist Susanne überzeugt. Doch was wäre aus ihr ohne “Geben für Leben” geworden? Sie überlegt kurz. “Ich würde etwas Sinnvolles tun, das die Welt ein Stückchen besser macht. Was immer das ist.”
