Mit biblischem Mut ins Gefecht

Vorarlberg / 29.10.2012 • 22:55 Uhr
Mit biblischem Mut ins Gefecht

Er setzt Hoffnung gegen alle Realität – am Xingu und in der Kirche. Dieser Bischof gibt nicht auf.

KOblach. Die Kirchen leeren sich allerorten. Aber der Bischof sagt: „Nur keine Angst, das Evangelium beeindruckt immer.“ Vor seiner Haustür in Brasilien sprengen sie gewaltige Löcher in den Fels. Aber Erwin Kräutler hält dagegen.

Woher nimmt der nur seine Zuversicht?

Gewiss: „Sie haben schon fünf Milliarden Reais verpulvert.“ Rund zwei Milliarden Euro stecken in der Baustelle am Rio Xingu. Erwin Kräutler weiß wohl: „Das Kraftwerk Belo Monte ist nicht mehr aufzuhalten.“ 15.000 Arbeiter stürzen seine Bischofsstadt Altamira täglich ins Chaos. Aber der Koblacher Missionsbischof setzt jetzt alles daran, wenigstens die Folgen für Indios, Fischer und Flussbewohner erträglich zu halten.

Nur ein paar Tage währt diesmal sein Besuch in Vorarlberg. Er kommt „direkt vom Oberlauf des Xingu“. Heute nimmt er in Wien den großen Leopold-Kunschak-Preis entgegen. Am 5. November kehrt er an den Amazonas zurück.

„Schlichtweg gelogen“

In Altamira gärt es. Noch verlaufen die Proteste friedlich. „Einmal sind ein paar Computer zu Bruch gegangen“, mehr nicht. Mit dem Versprechen adäquater Abfertigungen haben sich die Besetzer der Baustelle wieder und wieder beruhigen lassen. „Aber wenn Staatspräsidentin Dilma Rousseff sagt, alle 63 Auflagen für das Großprojekt seien erfüllt, dann ist das einfach gelogen.“ Kräutler ist jetzt 73 Jahre alt. Als römisch-katholischer Bischof muss er in zwei Jahren um seine Pensionierung ansuchen. Er tönt unverdrossener denn je.

Er will, dass die Flussbewohner, die wegen des monströsen Kraftwerks alles verlieren werden, „a Grundstück und a Hüsle“ kriegen. Die Stadt Altamira könnte eine Generalsanierung vertragen. Und ob das Wasser des aufgestauten Xingu dann 2015 tatsächlich an der Schwelle seiner Kathedrale stehen bleibt, das wüsste Kräutler auch gern. „Aber die Experten können uns das nicht garantieren.“ Der Indianer-Missionsrat Cimi, dem Kräutler vorsteht, hat die Regierung in Brasilia mit Klagen eingedeckt, aber „die Taktik der Straßenwalze“ hat Tatsachen geschaffen. Dennoch denkt der Koblacher, der seit Jahren unter Polizeischutz lebt, weil er sich mehr als einmal mit Großgrundbesitzern angelegt hat, nicht ans Aufgeben.

Klar, so einer wirkt. Wenn Kräutler nach Europa kommt, kann er sich der Einladungen kaum erwehren. Am Oberlauf des Xingu war er tagelang offline. Jetzt sitzt er in seinem Koblacher Elternhaus am Laptop und ackert 1924 E-Mails durch. „Vier hab ich schon beantwortet.“ In der deutschen Abtei Münsterschwarzach hat er am Weltmissionssonntag gepredigt. Jeden Mai quetscht er an die 20 Firmungen in den Terminkalender. Er tut das gern. „Heute stehen meine ersten Firmlinge als Firmpaten vor mir.“

So einer müsste doch Auswege kennen aus der Kirchenkrise? Aber „Patentrezepte“ trägt er nicht im Gepäck. Stattdessen Kritk und jede Menge Ermunterung.

In Brasilien geht das schneller

Dass Rom das Ländle ein Jahr lang ohne Bischof lässt, „kann ich nicht verstehen“. In Kräutlers Nachbardiözese starb der Bischof im Juli, „jetzt weihen sie schon seinen Nachfolger“. Kräutler begreift auch nicht, wie man den Priestermangel durch die Schaffung von Großpfarren zu kaschieren sucht. „Das löst gar nichts.“ Er erinnert an das II. Vatikanische Konzil, das vor 50 Jahren dem Wortgottesdienst zu echter Bedeutung verhalf. Auch Laien können ihn halten. Am Rio Xingu ist das so. Frauen tragen die kleinen Gemeinden. So sieht für Kräutler die Zukunft der Kirche aus.

Dass Frauen und verheiratete Männer eines Tages auch priesterliche Dienste tun, ist für ihn nur eine Frage der Zeit. Bischöfliche Versammlungen (Synoden) seien für solche Reformen zu träge.

Kräutlers Kirche ist eine Kirche des Volkes. Vor allem volksnah muss in seinen Augen auch ein Bischof sein. In Vorarlberg wie am Rio Xingu.

Für sein Engagement wurde Erwin Kräutler u. a. 1992 mit dem Toni-Russ-Preis ausgezeichnet. VN/hb
Für sein Engagement wurde Erwin Kräutler u. a. 1992 mit dem Toni-Russ-Preis ausgezeichnet. VN/hb
Dass auf der Baustelle noch keine Schüsse fielen, grenzt an ein Wunder. Kräutler sagt den Indios: „Keine Gewalt.“ Noch wirkt das. Foto: Reuters
Dass auf der Baustelle noch keine Schüsse fielen, grenzt an ein Wunder. Kräutler sagt den Indios: „Keine Gewalt.“ Noch wirkt das. Foto: Reuters

Spenden für Erwin Kräutler gehen an Raiba Koblach, BLZ 37429 Konto-Nr.: 2.421.501 Verwendungszweck: solidarisch teilen