Mehr Zeit statt Konsum

Vorarlberg / 14.11.2012 • 21:36 Uhr
Allen, „denen im Hamsterrad der materiellen Selbstverwirklichung schon ganz schwindlig geworden ist“, verheißt Paech Erlösung. Foto: dpa
Allen, „denen im Hamsterrad der materiellen Selbstverwirklichung schon ganz schwindlig geworden ist“, verheißt Paech Erlösung. Foto: dpa

Wachstumskritiker Niko Paech erzählt von einer einfacheren, stressfreien Alternative.

Dornbirn. Die Frage ist: Halten wir das aus? Ein Leben ohne Statussymbole. Kein dickes Auto mehr, auf Urlaub nach Bad Hopfreben fahren statt auf die Malediven. Die totale Entrümpelung unserer Konsumkrücken. Der „Abwurf vom Wohlfühlballast“. Halten wir das aus? Niko Paech (52) findet, es lohnte die Anstrengung. Weil wir ja gegenwärtig keineswegs glücklich sind. Oder haben wir inzwischen schon Spaß am Freizeitstress?

In der Konsumfalle

Niko Paech ist Volkswirtschaftler. Derzeit lehrt er an der Uni Oldenburg. Was er vertritt, klingt verteufelt einleuchtend. Wir ackern täglich wie die Gäule. Als Belohnung leisten wir uns Auto, iPad und Flachbildfernseher. Aber es fehlt die Zeit, all das Zeug auch zu verwenden. Weil wir ja ackern müssen. Ein übler Kreislauf. Im Rahmen der „Projekte der Hoffnung“ gibt Paech heute Abend im Dornbirner Funkhaus kleine Anleitungen, sich wieder aufs Wesentliche zu besinnen.

Jenseits vom Wachstumsdiktat

Paech redet einem Wirtschaftssystem das Wort, das nicht mehr auf Wachstum basiert. Schon in den 1970er Jahren habe sich das unbegrenzte Wachstum als Mythos erwiesen. Und auch das nachhaltige, grüne, qualitative Wachstum hält Paech für einen großen Selbstbetrug. Passivhaus, Energiesparlampen und Dreiliterauto verheißen eine Entlastung des ächzenden Ökosystems ohne Wohlstandsverlust. Eine glatte Lüge, sagt Paech.

Lustvoll demaskiert er das Schlagwort der erneuerbaren Energie: Durch den Einsatz der Erneuerbaren steigt das Elektrizitätsangebot insgesamt. Der Marktpreis für Strom sinkt, die Nachfrage nimmt zu. Weil immer mehr Funktionen des Alltags digitalisiert und automatisiert werden, gewöhnen sich die Menschen einen noch energie­intensiveren Lebensstil an. Kurz: Ohne individuellen Verzicht leidet die Umwelt nur noch mehr.

Raus aus der Abhängigkeit

Paechs „Postwachstumsökonomie“ stellt daher die Frage: „Welcher Plunder, der nur wachstumsabhängig macht, ließe sich über Bord werfen?“

Textilien zum Beispiel, die man doppelt und dreifach im Kasten hat. Oder generell „all die Brocken, die viel CO2 brauchen, viel Geld kosten und in Wahrheit langweilig geworden sind“. Das führt in Paechs Augen zu einem Glück stiftenden Leben ohne Konsumverstopfung. Vor allem gewinnt der Mensch Zeit. Zeit ist überhaupt das Wichtigste. „Sie ist unsere knappste Ressource.“

Aber wie soll sich die Gesellschaft weiter versorgen, wenn weniger statt mehr gearbeitet wird? Paech setzt auf genügsameres, glücklicheres Publikum und auf Gemeinschaftsgärten, Tauschringe, Nachbarschaftshilfe. Kleine Gemeinschaften schweben ihm vor, die sich mehr und mehr vom Geld unabhängig machen. So entstünden „stabile Sozialstrukturen am Rand der Gesellschaft“. Das genüge schon, um diesen neuen Lebensstil einzuführen.

Diese neue Gesellschaft, die Dinge wieder repariert, statt sie fortzuwerfen, legte den Fokus auf Erhalt-, Um- und Aufwertung vorhandener Produktbestände. Die soziale Position des Einzelnen würde sich nicht mehr am Konsum bemessen, sondern … ja, woran eigentlich? Neue Werte müssten her. Die Frage ist: Halten wir das aus?

Paech: „Wir brauchen kein grün angepinseltes Weiter-so, sondern müssen das Leben entrümpeln.“
Paech: „Wir brauchen kein grün angepinseltes Weiter-so, sondern müssen das Leben entrümpeln.“

Der Volkswirtschaftler Niko Paech spricht am Donnerstag, 15. November 2012, um 20 Uhr im ORF-Funkhaus in Dornbirn über die „Befreiung vom Überfluss“. Der Eintritt ist frei.