Die Erfahrungen weitergeben

Olympia-Bronzemedaillengewinnerin Andrea Tagwerker ist Kunstbahnrodel-Trainerin in Bludenz.
Bludenz. (VN-akp) Fröhliches Kinderlachen hallt durch das Haus in Rungelin mit einer wunderschönen Aussicht auf Bludenz. Marcel (9) und Lukas (6) warten schon ungeduldig, bis sie von ihrer Mama zum Training begleitet werden. Die ehemalige Weltklasse-Kunstbahnrodlerin Andrea Tagwerker genießt die Zeit mit ihrer Familie intensiv. Ihrer Aufgabe als Mama und Hausfrau geht sie mit Leidenschaft nach, genauso wie sie ihren Beruf als Athletin ausübte. 23 Jahre lang war die Bludenzerin auf der Bühne präsent. Ihr Palmarès schmücken eine Bronzemedaille bei Olympischen Spielen sowie drei weitere Top-12-Plätze während vier Teilnahmen. Sie eroberte drei Mal den Mannschaftsweltmeistertitel, kürte sich als Juniorin zur Europameisterin und gewann 1997 den Gesamtweltcup. Letzteres bezeichnet sie als ihren größten Erfolg – oder wie es ihr Sohn Lukas im Hinblick auf die Glaskugel bezeichnet: „Die Mama hat den größten Pokal der Welt.“ Vom sportlichen Aspekt her habe dieser Sieg noch mehr Bedeutung als die Olympiamedaille. „Weil man eine ganze Saison lang Weltklasse-Fahrten ins Ziel bringen musste“, beschreibt die heute 41-Jährige. Bis 2010, als die Kanadierin Alex Gough den Gesamtsieg holte, war sie die einzige Nicht-Deutsche, der dieses Kunststück gelungen war. „Oft haben mich Journalisten aus aller Welt angerufen und um Interviews gebeten“, blickt sie zurück. Ein Leben als Profi war für die gelernte Näherin damals nicht möglich. Im Sommer übernahm sie Gelegenheitsjobs. Erst 1999, als sie ihre Karriere beendet hatte, wurde das
Heeresleistungssportzentrum installiert.
Keine Rodelbahn im Land
Mit dem RC Sparkasse Bludenz gibt es in Vorarlberg einen einzigen Kunstbahn-Rodelverein. Der Nachwuchs arbeitet sich an die nationale Spitze heran. Die Aushängeschilder sind Thomas Steu, der dieses Jahr die Bronzemedaille im Teambewerb der Olympischen Jugendspiele holte, und die Heinzelmaier-Geschwister.
Das Training findet aufgrund der fehlenden Möglichkeit im Land auf der Bahn in Igls statt. Die Natureisbahn in Hinterplärsch ist in die Jahre gekommen und kaum mehr benutzbar. „Wir müssen dringend im Sinne der Athleten eine Lösung finden“, betont Tagwerker, die seit zwei Jahren als Kotrainerin beim Verein dabei ist. Zwölf Nachwuchssportler betreut sie gemeinsam mit Cheftrainer Manfred Heinzelmaier, darunter auch ihren älteren Sohn Marcel. Er sicherte sich heuer die Bronzemedaille in seiner Altersklasse bei den österreichischen Meisterschaften. „Rodeln ist cool“, betont der Neunjährige, dessen Ziel es ist „noch schneller zu werden“. Er dürfte den „Rodelvirus“ im Blut haben, denn als Tagwerker mit ihm schwanger war, fuhr sie bei den Titelkämpfen noch vorne mit. „Ich wusste damals nicht, dass wir schon zu zweit waren“, blickt sie lachend zurück.
Mit dem Rennrodeln aufzuwachsen ist für Tagwerker selbstverständlich. „Meine ganze Familie bis hin zur Oma war begeistert bei diesem Sport dabei, so bin ich schon als Kind hineingewachsen.“ Ob einer ihrer Söhne einmal in ihre Fußstapfen treten wird, lässt sie offen. Um Weltklasseleistungen zu bringen, müsse man ganz für den Sport leben. „Es braucht viel Disziplin und Ehrgeiz, das prägt“, beschreibt sie und betont: „Rodeln ist ein extrem schöner Sport, ein bisschen wie Achterbahnfahren. Es ist ein Schnellkraftsport, bei dem aber auch viel Gefühl gefragt ist. Ich würde alles wieder so machen, es war eine extrem schöne Zeit.“

Zur Person
Andrea Tagwerker
Ex-Weltklasse-Kunstbahnrodlerin
Geboren: 23. Oktober 1971
Wohnort: Bludenz
Größte Erfolge: vier Teilnahmen an Olympischen Spielen: 12. Rang (1988), 7. Rang (1992), 3. Rang (1994), 5. Rang (1998), Sieg Gesamtweltcup 1997, Junioren-Europameisterin 1989, Mannschaftsweltmeisterin 1996, 1997 und 1999, 2-fache Staatsmeisterin, trat 1999 nach 23 Jahren im Sport zurück.
Familie: Lebensgemeinschaft, Söhne Marcel (9) und Lukas (6)