Die Musik ist noch nicht verstummt

Nach einem Schicksalsschlag findet der Volksmusik-Star Trost in Tönen.
LANGENEGG. Über 50 Jahre lang konnte kaum jemand die ungebrochene Aktivität von Ludwig Bertel stoppen, der mit seinen „Bregenzerwälder Dorfmusikanten“ auf weltweiten Tourneen und im Fernsehen längst zu einer Legende unter den volkstümlichen Musikanten geworden ist.
Doch seit dem Tod seines Sohnes Claus (49) heuer im Juni ist alles anders. Die Gruppe lebt nur noch in seiner Erinnerung, die Musik aber ist bei dem 86-Jährigen auch heute noch nicht verstummt. Erst vor einer Woche wurde sein neuester Blasmusik-Marsch im Wolfurter Cubus uraufgeführt, einmal monatlich trifft sich Bertel mit einer Gruppe in Langenegg zum Seniorensingen. Da spielt er dann Zither, mit der man schon den Sechsjährigen für die Musik begeistern konnte. Doch bevor er zum späteren gefeierten Musikprofi wurde, brachte der Kriegsdienst ab 1943 eine entscheidende Zäsur in sein Leben.
„Ich wurde nach Emden zur Kriegsmarine einberufen“, erinnert sich Bertel, „und meine Zither hat mich im Krieg immer begleitet.“ Zuerst kam er auf ein U-Boot, dann auf ein Minenräumboot. Von den zwölf Schiffen seiner Einheit blieben am Schluss gerade drei übrig, doch Ludwig kam relativ heil davon, geriet in Lüneburg in Kriegsgefangenschaft und klopfte nach viertägiger Flucht bereits im November 1945 wieder zu Hause an: „Für meine Eltern galt ich längst als vermisst!“ Diese abenteuerlichen Bilder haben ihn nie losgelassen und ihren Niederschlag in zahlreichen realistischen Ölkreide-Zeichnungen gefunden.
Gleich danach legte er richtig los mit der Musik: „Ich ging sofort zur Dorfmusik, wo man dringend einen Flügelhornisten brauchte. Später kamen Klarinette und Saxophon dazu, auch Keyboard und Gesang für kleine Unterhaltungsgruppen.“ 1948 übernahm er für 38 Jahre die Leitung des Musikvereins Langenegg. Das waren damals etwa 20 Leute, für die Bertel auch zu komponieren begann, in der „böhmischen Art“, die ihm gelegen ist. Oder er kaufte sich Schellacks und schrieb über das Gehör die Arrangements auf Noten. Inzwischen liegen von ihm 250 Kompositionen vor, als Dauerbrenner sein Marsch „Mein Wälderland“. Die Gründung eines eigenen professionellen Quintetts 1958 war für den umtriebigen Langenegger fast die logische Konsequenz.
„Zauber der Berge“
Mit seinen „Bregenzerwälder Dorfmusikanten“ spielte er zunächst als kleine „Bauernkapelle“, bis er sich dann, gemeinsam mit den Hammerer-Brüdern, dem aufkommenden Trend der „Oberkrainer“-Besetzung anschloss, gemischt mit Elementen der „Fidelen Inntaler“. Der ganz große internationale Durchbruch kam freilich erst, als sich die Formation zum Trio reduzierte, dem nun auch Sohn Claus angehörte. Bertel: „Wir waren in Heiligenblut auf Tournee, und dort hat mich diese Landschaft zu meinem erfolgreichsten Titel inspiriert: ‚Zauber der Berge‘. In einer Viertelstunde habe ich Text und Melodie konzipiert, nach dem dritten Platz beim ‚Grand Prix der Volksmusik‘ sind davon innert zwei Jahren über drei Millionen CDs verkauft worden.“ Und eine Randbemerkung zu einer derzeit aktuellen Diskussion: „Natürlich haben auch wir damals, so wie alle anderen, Vollplayback gespielt.“
Über 40 Platten- und CD-Einspielungen sind es in über 50 Jahren geworden, Tourneen führten das Trio fünf Mal in die USA, sechs Mal nach Kanada, Asien und durch halb Europa. So lange, bis sich vor ein paar Jahren bei Claus eine schlimme Erkrankung ankündigte, die schließlich zu seinem frühen Tod führte. Bis zuletzt ertrug er alles mit großer Geduld und spielte, wenn auch reduziert, noch heuer bei Auftritten mit. Vater Ludwig hat Kraft im Glauben und in seiner Musik gefunden.
Es vergeht auch heute noch kein Tag, an dem der so bescheiden gebliebene Star der volkstümlichen Musik nicht seine geliebte Zither zur Hand nimmt. Sie ist ihm, neben seiner Frau Lisa, zur lebenslangen treuen Gefährtin geworden.

Zur Person
Ludwig Bertel
Geboren: 19. Jänner 1926 in Langenegg
Ausbildung: Landwirtschaftsschule Bregenz, Musikschule Bregenz
Tätigkeit: Gründer und Leiter der „Bregenzerwälder Dorfmusikanten“, Kapellmeister des Musikvereins Langenegg, eintausend volkstümliche Kompositionen und Arrangements, davon 250 für Blasmusik, 40 Platten- und CD-Einspielungen
Auszeichnung: Berufstitel Professor 2010
Biografie: „Ein Leben für die Musik“, Diplomarbeit von Christian Faißt (Verlag Bucher)
Familie: verheiratet, drei Kinder