Göttlicher Auftrag zur Achtsamkeit

Für den Kinderpsychologen Hannes Berthold ist Gott „im Prinzip die Liebe“.
Feldkirch. Die Orgel spielt er nach wie vor. Obwohl mittlerweile Altkatholik. „Ich bin schließlich immer Organist in Stuben gewesen.“
Hannes Berthold (51) hat seine Religion in Kindertagen durch die Familie und sein Dorf ganz selbstverständlich erfahren. Man besuchte sonntags den Gottesdienst, die Männer gingen nach der Messe zum Frühschoppen, während die Frauen sich ums Essen kümmerten.
Sehr katholisch? „Ja“, nickt Berthold, „weniger in Worten, mehr in den Abläufen.“
„Aus christlicher Überzeugung“
Vor vier Jahren hat er die katholische Kirche dann verlassen. Für Berthold „ist Religion etwas sehr Wichtiges“. Immer öfter stieß er sich an Vorgaben der Amtskirche. „Dass Rom von den Priestern den Zölibat verlangt“, wollte er so wenig einsehen wie „den Umgang der Kirche mit Frauen“. Den Ausschlag aber gab die unglückliche Äußerung des damaligen Bischofs Elmar Fischer, wonach Homosexualität heilbar sei.
Nach kurzem Bedenken fügt Berthold an: „Mein jüngster Bruder ist homosexuell. Alle wissen es.“ Und niemand stoße sich daran. Das Wort von der Heilbarkeit gab einem schon lange währenden Prozess die entscheidende Wende. Aber ohne Kirche wollte Berthold auch nicht bleiben. Zwar verließ er die katholische Kirche „aus christlicher Überzeugung“, aber ein Jahr später trat er der altkatholischen Kirche bei. „Meine Frau hatte mir den Tipp gegeben.“
Der dreifache Vater Hannes Berthold bewältigt drei Berufe. Er arbeitet als Kinderpsychologe für den Arbeitskreis für Vorsorge und Sozialmedizin (AKS). Er unterrichtet Musik in Buchs. Im Winter erfreut er als Barpianist die Gäste in Lecher Hotels. Gut ausgelastet, würde man sagen. In der altkatholischen Kirche fand er einen kleinen, familiären Rahmen. „Bischöfe werden demokratisch gewählt, Frauen dürfen Priester werden. Bischof Johannes Okoro hat auch in unserer Gemeinde schon homosexuelle Paare gesegnet.“
„Gott ist Liebe“
Was aber bedeutet ihm das alles, woran glaubt Hannes Berthold? „Gott ist für mich im Prinzip die Liebe, die alles umfasst“; Berthold sucht nach Worten. Er stellt sich Gott nicht personal vor oder als Dreifaltigkeit. Gott ist in seinen Augen schlichtweg Liebe. Das aber erzieht ihn zur Achtsamkeit: „Ich muss achtsam mit jedem Menschen umgehen, weil er in dieser Liebe ein Teil von mir ist.“
Natürlich schwingt da Bertholds berufliche Erfahrung mit. „In meiner Arbeit geht es immer um Liebe“, sagt er, der sehr stark mit den Eltern arbeitet, deren Kinder ihm zugewiesen werden. Denn „geht es den Eltern gut“, profitieren auch die Kinder. Die Eltern, sagt Berthold „sind nicht der Virus, sie sind das Medikament“. Nachsatz: „Es gibt freilich auch abgelaufene Medikamente.“
Der Psychologe Berthold liest im Übrigen aus dem biblischen Gebot der Nächstenliebe eine wesentliche Voraussetzung heraus: „Du musst erst dich selber gern haben können, bevor du andere liebst.“ So erhält die Anweisung „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ einen zusätzlichen, allzu oft vernachlässigten Klang.
Altkatholische Kirche
Die altkatholischen Kirchen in Deutschland, Österreich und der Schweiz entstanden u. a. aus Protest gegen die beschlossene Unfehlbarkeit des Papstes, die auf dem Ersten Vatikanischen Konzil am 18. Juli 1870 verkündet wurde. Sie kommt ihm zu, wenn er in seinem Amt als „Lehrer aller Christen“ eine Glaubens- oder Sittenfrage als endgültig entschieden verkündet.