Ethikunterricht: Gefangen im Schulversuchsstadium

Österreichische Provisorien sind eben zäh: Ethik geht als Schulversuch schon ins 15. Jahr.
Bregenz. Ethik wird in immer mehr Vorarlberger Oberstufen seit dem Schuljahr 1997/98 als Alternative zu konfessionellen Religionsstunden angeboten. 14 Gymnasien an zehn Standorten machen mit. 1162 Jugendliche machten im Schuljahr 2010/2011 von dem Angebot Gebrauch. 20 Lehrende lassen sich eben ausbilden. Und doch „feiert“ Ethik nun schon das 15. Jahr im Schulversuchsstadium.
Laut Landesschulinspektorin Christine Schreiber musste Vorarlberg anfänglich jedes Jahr um Verlängerung ansuchen. „Inzwischen müssen wir das nur noch alle fünf Jahre tun.“ Ein sicheres Zeichen dafür, dass das Provisorium sich häuslich eingerichtet hat.
Immer mehr ohne Bekenntnis
Dabei steigt der Bedarf. So wie die 16-jährige Katharina Klien drücken zunehmend Jugendliche ohne Bekenntnis die Schulbank. Katharina hat sich katholischen und evangelischen Unterricht angesehen und sich dann für Ethik entschieden. Fathma Akyürek (16) fand ihre islamischen Religionsstunden schlicht langweilig. Lorenz von der Thannen (16) bezeichnet sich selbst als „zwangsweise katholisch“. Die drei besuchen dieselbe Ethikgruppe. Katharina denkt sogar daran, 2014 in Ethik zu maturieren.
Ihr Professor Gerold Amann nickt zustimmend. Der Deutsch- und Geschichteprofessor und ausgebildete Philosoph unterrichtet Ethik am Bregenzer Bundesgymnasium Blumenstraße und leitet darüber hinaus die Ausbildung des Lehrernachwuchses. „20 Kolleginnen und Kollegen studieren derzeit Ethik an der Pädagogischen Hochschule.“ Sie büffeln sechs Semester lang, jedes Halbjahr mit sechs Volltagen und viel Eigenarbeit gut bestückt. Sie befassen sich mit Themen wie Integration und Gerechtigkeit und lernen Religionen im Detail kennen. Dr. Otto Gehmacher befasst sich mit Fragen der Medizinethik. Dr. Pius Fink beleuchtet tierethische Fragen.
Nur ausgebildete Lehrerinnen und Lehrer werden zum Ethikstudium an der PH zugelassen. Vom ersten Semester an müssen sie gleichzeitig selber schon Ethik unterrichten. Der landeseigene Lehrplan macht deutlich, wie vielschichtig die Themen sind, denen sie sich stellen.
Da wäre etwa die Sache mit dem Glück. Das blieb Katharian Klien besonders im Gedächtnis haften: Was macht Menschen glücklich? So einfach ist das nicht. Den Sockel der Maslowschen Bedürfnispyramide hat sie noch parat: „Essen, trinken, schlafen . . .“, die Jugendlichen haben sich von den Grundbedürfnissen der Menschen bis zur Spitze mit Wünschen nach Selbstverwirklichung und Transzendenz hochdiskutiert.
Ginge es nach Prof. Gerold Amann, wäre es das Klügste, Ethikunterricht endlich als verbindliche Alternative zur Religion ins Regelschulwesen zu übernehmen. Von einer oft lauthals verlangten Abschaffung des Religionsunterrichts hält er nichts. Denn „es ist einfach sinnvoll und wichtig, dass die Schüler sich entscheiden müssen.“
Ethikunterricht 2010/2011
Schule Gesamt Ethik
» BG Bludenz 396 133 34 Prozent
» BG Blumenstraße 363 71 20 Prozent
» BG Gallusstraße 251 63 25 Prozent
» BORG Lauterach 295 71 24 Prozent
» BG Dornbirn 271 106 39 Prozent
» BRG/BORG Dornbirn 361 202 56 Prozent
» Sportgymnasium 278 84 30 Prozent
» BG/BRG Feldkirch 279 59 21 Prozent
» BRG/BORG Feldkirch 523 270 52 Prozent
» BORG Götzis 253 103 41 Prozent
» Gesamt 3270 1162
100 Prozent 35,5 Prozent