Auch die Ahnen eingemeindet

Vorarlberg / 24.01.2013 • 20:18 Uhr
Seine Ahnenreihen hat Günter Steiner in einer alten Zeichenmappe verwahrt: „4c“ verkündet der Deckel. Foto: VN/Matt
Seine Ahnenreihen hat Günter Steiner in einer alten Zeichenmappe verwahrt: „4c“ verkündet der Deckel. Foto: VN/Matt

Steiners leben mormonisch: Eingebettet in die Gemeinde und bis hin zu Tee drogenfrei.

Lustenau. Günter Steiner (47) hat den Tag noch in Erinnerung, als die Missionare an die Haustür klopften. „Junge Männer in Anzügen“, man kennt das Bild. 1977 war das. Sein Vater hat sie hereingebeten. „Sie haben miteinander geredet.“ Haben sie was dagelassen? „Broschüren wahrscheinlich“, so genau weiß das Günter nicht mehr. Die Missionare der Mormonen sind wieder gekommen. Günters Vater trat der „Kirche der Heiligen der Letzten Tage“ bei. Die Mutter und seine Schwestern fanden keinen Geschmack am Konfessionswechsel. Günter schon. Er begleitete den Vater sonntags zu den dreistündigen Versammlungen. „Alle waren so freundlich.“ Auch er ist geblieben. Seither bestimmt der Glaube sein Leben. Bei den Mormonen hat Günter auch seine Frau Tanja (39) kennengelernt. Sie lebte im „Pfahl St. Gallen“; so bezeichnen Mormonen ihre Regionalstrukturen.

Mit Tanja erzieht Günter Steiner drei Töchter: ­Yarmina (15), Melinda (13) und Jana (8). Auch wenn die Eltern betonen, niemals Druck auf die Kinder auszuüben – „jeder Mensch hat seine eigene Meinung“ –, scheint ihre Religion das Leben der Familie doch völlig zu durchwirken. Tanja gestaltet die Mittwochabende für die jungen Mädchen der Gemeinde, Günter leitet ein sogenanntes Priestertumskolleg, dem sechs Laienpriester angehören.

Ihr Glaube trägt sehr persönliche Züge: Tanja spricht von ihrem „himmlischen Vater“. Günter umschreibt den Sinn des menschlichen Erdenlebens als eine Art Lehrzeit: „Wir alle haben schon einmal gelebt, als Geister. Geboren werden wir, um Erfahrungen zu sammeln.“

Drogen in jeder Form verpönt

Wobei manche Erfahrungen für Mormonen tabu bleiben: Günter und Tanja trinken keinen Alkohol, rauchen nicht, lassen die Finger auch von anderen Suchtmitteln. Sie meiden selbst Kaffee und Tee. Sexualität vor der Ehe kam für sie nicht infrage.

Dass die Ahnenforschung bei Mormonen bekanntermaßen hoch im Kurs steht, hat Gründe. Die Steiners haben 1992 ein halbes Jahr lang die USA und vor allem den Bundesstaat Utah bereist. Einer alten Zeichenmappe entnimmt Günter Steiner stolz unzählige Archivbögen, anhand derer er heute seine Ahnenreihe bis 1641 zurückverfolgen kann. Das genealogische Archiv der Mormonen zählt zu den besten der Welt. Sie ziehen persönlichen Nutzen draus. Steiner hat zwischenzeitlich etliche verstorbene Verwandte posthum mormonisch taufen lassen. Wird ihnen da im Nachhinein nicht ein fremder Wille aufgezwungen? Das sieht er unproblematisch: „Ich weiß ja erst, wenn ich sterbe, ob sie’s auch angenommen haben.“

Ich hab für viele Verwandte stellvertretend die Taufe vollzogen.

Günter Steiner

Mormonen

Mormonen berufen sich außer auf die Bibel auch auf das Buch Mormon. Die große Mehrheit der mormonischen Konfessionen kennt noch weitere Offenbarungen, die in der Schrift „Lehre und Bündnisse“ zusammengefasst wurden. Das Buch Mormon will der Prophet Joseph Smith, jr. (1805 bis 1844) in Manchester, New York, durch den ihm als Engel erschienenen Moroni erhalten haben. Heute nennt sich die größte mormonische Gemeinschaft „Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage“. Weltweit gibt es nach eigenen Angaben über 13 Millionen getaufte Mitglieder, davon rund 50 Prozent in den USA. In Österreich sind es rund 4300.

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