Lorenz Böhler
Wenn vor allem im Winter unsere Unfallambulanzen überfüllt sind, denkt wohl kaum jemand daran, dass wesentliche Fortschritte der Unfallchirurgie auf einen Vorarlberger zurückgehen. Der am 20. Jänner vor vierzig Jahren fast hundertjährig in Wien verstorbene Universitätsprofessor Dr. Lorenz Böhler ist einer der bedeutendsten Söhne seiner Heimatgemeinde Wolfurt.
Seine Leidenschaft für die Chirurgie soll bereits im Kindesalter beim Sezieren von Vögeln und Eichhörnchen sichtbar geworden sein – heute würde man bei einer solchen Form kindlicher Neugier wohl die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und rasch einschreiten. Nach der ärztlichen Ausbildung in Wien nutzte Böhler bereits 1914 die Gelegenheit, an einem Chirurgenkongress in New York teilzunehmen und sich anschließend in der berühmten Mayo-Klinik fortbilden zu können. Das war vor hundert Jahren eine seltene Chance. 1925 konnte er seine bereits in den Lazaretten des Ersten Weltkriegs entwickelten Vorstellungen effizienter Behandlung von Unfallpatienten mit dem über seine Anregung und unter seiner Leitung in Wien errichteten spezialisierten Unfallkrankenhaus umsetzen – einem Vorzeigespital weltweiter Beachtung. 1945 wurde ihm als Mitglied der NSDAP die Lehrbefugnis an der Universität vorübergehend entzogen, bald aber wieder erteilt. Das Unfallkrankenhaus führte er bis zur Pensionierung mit 78 Jahren, von 1970 bis 1983 lag die Leitung dann in den Händen seines Sohnes Jörg, ebenfalls ein bedeutender Unfallchirurg und in seiner Jugend Begleiter des Meeresforsches Hans Hass bei dessen Expeditionen.
Drei Erinnerungen an das Wirken Lorenz Böhlers stechen besonders ins Auge. Die Allgemeine Unfallversicherungsanstalt benannte 1972 den Neubau ihres Wiener Unfallkrankenhauses nach ihm und die Stadt Wien widmete ihm eine Gasse im XX. Gemeindebezirk (Brigittenau). 1957 wurde Böhler von seiner Heimatgemeinde Wolfurt zum Ehrenbürger ernannt. Er richtete aus diesem Anlass eine Stiftung ein, aus der heute noch jährlich an die beste Schülerin und den besten Schüler der Hauptschule ein Preis vergeben wird. Es wäre schön, wenn nach diesem Beispiel wenigstens ein paar der heute so in Mode gekommenen Stiftungen nicht nur zur Vermögenssicherung und Steuerersparnis, sondern auch zur Nachwuchsförderung eingerichtet würden.
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Jürgen Weiss vertrat das Land als Mitglied des Bundesrates zwanzig Jahre
lang in Wien und gehörte von 1991 bis 1994 der Bundesregierung an.
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