Kolumne: Wir gehen da jetzt rein
Eigentlich bin ich in solchen Sachen nicht empfindlich. Wenn man ein altes Haus auf dem Land hat, direkt neben einem Bauernhof, darf man nicht empfindlich sein. Man kauft so ein altes Haus nicht unbewohnt, man bekommt es mit Spinnen und Mäusen und Wespennestern, und im Laufe der Jahre ziehen andere Tiere ein und wieder aus: Ameisen, die in langen Straßen über die Wände wandern, bis man diese Wanderung unterbricht. Motten kommen unbemerkt mit dem Mehl, vermehren sich, während man nicht da ist und verschwinden erst wieder, als man jedes, wirklich jedes Lebensmittel in dichte Gläser verpackt hat. Die Mäuse ekelt man im Lauf der Jahre aus dem Haus, in dem man ihnen jeden Zugang mit Montageschaum zusprüht und alles, was ihnen schmeckt, in dichten Plastikisten verpackt, inklusive der Fernbedienung, von der sie die Knöpfe abknabberten. Die Spinnen dürfen im Haus bleiben, nur mit den ganz großen möchte man immer noch nicht das Schlafzimmer teilen und übersiedelt sie routiniert mit einem Stück Karton und einem Becher in den Schuppen. Und die Fliegen … Mit den Fliegen muss man sich im Sommer einfach irgendwie arrangieren, wenn man neben einem Misthaufen wohnt. Sogar mit dem muffigen Keller habe ich mich im Lauf der Jahre halbwegs angefreundet, auch wenn ich ihn lieber nur mit Hut betrete, weil die Spinnen … egal.
Nur der Dachboden. Jahrelang habe ich mich nicht in den Dachboden getraut, dann habe ich es endlich geschafft. Überhaupt kein Problem! Weiß gar nicht, was ich hatte! Reiner Zufall, dass ich danach die Tür wieder drei Jahre nicht aufgemacht habe. Weil. Im Dachboden wohnt noch ein Tier.
Uns hat gerade eine Maus angeschaut, sagten die Kinder, als sie letzten Sommer mit Freunden hier waren. Ich sagte, es gibt keine Mäuse mehr im Haus, das hätte ich bemerkt. Ganz sicher!, sagten die Kinder, sie schaute oben aus dem Verschlag mit der Heizungssteuerung heraus, sie hatte ein spitzes Gesicht und dunkel umrandete Augen. Nun weiß ich, dass das Tier im Dachboden kein Marder ist, sondern ein Siebenschläfer. Trotzdem.
Jetzt war wieder mal Sperrmülltag, und am Wochenende davor war meine Freundin da, und sagte, wir gehen jetzt in den Dachboden, da liegt gewiss auch noch Gerümpel herum. Ich weiß nicht, sagte ich. Feigling, sagte die Freundin. Wir zogen uns Maleroveralls an, Gummihandschuhe und Masken, schnappten uns Müllsäcke, Besen und Schaufel und meine Freundin öffnete entschlossen die Tür. Ja, hier wohnte eindeutig was, aber es war offenbar zum Glück gerade nicht zu Hause. Wir kehrten den Dreck weg, warfen das Gerümpel zum Fenster hinaus, fanden interessante Dinge. Siehst du, sagte die Freundin. Überhaupt kein Problem!, sagte ich. Weiß gar nicht, was ich hatte! Toll!
In der Nacht habe ich wieder Getrappel gehört. Ich lass die Tür erstmal zu, so ein paar Tage oder fünf Jahre lang.
Doris Knecht ist Kolumnistin und Schriftstellerin. Sie lebt mit ihrer Familie in Wien und im Waldviertel.
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