„Dieser Prozess ist ein Stück Zeitgeschichte“

Heute vor einem Jahr begann am Landesgericht in der Mozartstadt der Testamentsprozess.
schwarzach. So schnell vergeht ein Jahr. Am 16. April 2012 wurde in Salzburg ein Stück Vorarlberger Zeitgeschichte geschrieben. Im großen Schwurgerichtssaal des Salzburger Landesgerichts eröffnete Richter Andreas Posch (47) den großen Testamentsprozess, der aus Befangenheitsgründen außerhalb Vorarlbergs stattfand. Ein Heer von Fotografen und Journalisten aus ganz Österreich scharte sich um die Angeklagten, deren Verteidiger, Richter, Laienrichter und Staatsanwälte. Nicht ganz pünktlich hörte man den Vorsitzenden daher erst gegen halb zehn zum ersten Mal sagen: „Die Sache ist aufgerufen“.
23.000 Seiten
Angeklagt waren insgesamt zehn Personen, es wurden 18 Fakten verhandelt. Bei 16 führte die Staatsanwaltschaft Feldkirch die Anklage, bei zwei die Staatsanwaltschaft Steyr. 266 Seiten umfasste die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft Feldkirch, 47 Seiten jene der Staatsanwaltschaft Steyr. An das Strafverfahren angeschlossen hatten sich 82 Privatbeteiligte. Einen geradezu monströsen Umfang hatten die Akten, die für das Verfahren durchgeackert werden mussten: 48 Bände mit insgesamt 23.000 Seiten, dazu noch 30 Beiakten.
Finale am 30. Juli
Vorgesehen waren für das Verfahren insgesamt 17 Verhandlungstage zwischen Mitte April und Anfang Juni. Doch damit kam das Gericht nicht durch. Es brauchte vier weitere Tage, um alle Fakten endgültig abzuhandeln und sämtliche Zeugen anzuhören. Während vier der insgesamt zehn Angeklagten bereits nach der zweiten Verhandlungswoche Schuldsprüche, aber milde Strafen ausfassten, fiel der Vorhang für die sechs Hauptbeschuldigten am 30. Juli. Auch sie wurden vom dreiköpfigen Schöffensenat allesamt schuldig gesprochen. Der Hauptangeklagte Jürgen H. fasste sieben Jahre unbedingt aus, Richterin Kornelia Ratz zweieinhalb Jahre, davon zehn Monate unbedingt. Rechtskräftig sind die Urteile für die sechs Hauptangeklagten freilich noch nicht. Beide Staatsanwaltschaften und auch fünf der Beschuldigten führen Rechtsmittel aus. Mit rechtskräftigen Urteilen ist erst gegen Jahresende zu rechnen.
Großer Respekt für Richter
Fazit des Prozesses: Die Verhandlungsführung von Richter Andreas Posch (47) war exzellent – darin stimmten alle Beteiligten überein. Nicht damit gerechnet hätten die Experten mit Schuldsprüchen für alle Beschuldigten. In seiner Urteilsbegründung überraschte der Vorsitzende vor allem mit seiner klaren Meinung über Kollegin Kornelia Ratz. Posch ließ keinen Zweifel daran, dass Ratz für ihn schuldig ist und fasste zudem ein vernichtendes moralisches Urteil über die ehemalige Vorarlberger Landesgerichts-Vizepräsidentin.
„Dieser Prozess ist schon jetzt ein Stück Vorarlberger Zeitgeschichte. Es ist kaum zu glauben, dass sich der Auftakt dieses denkwürdigen Ereignisses bereits jährt“, kommentiert Staatsanwalt Manfred Bolter den Jahrtag.
