Wie Menschen ihre Gottesbilder entwerfen und weiterentwickeln

Viele kennen diese Erfahrungen des „Überschreitens“ (Transzendierens) in der liebenden Beziehung. Foto: VN/Steurer
Strafender, liebender Gott oder gar keiner: „Laienphilosophen“ glichen ihre Bilder ab.
Bregenz. Wer ist dein Gott? Wie sieht er aus? Ist er wirkmächtig in deinem Leben? Oder schwebt er „über den Wassern“ wie im ersten Buch der Bibel? Die VN luden mit Univ.-Doz. Dr. Eckart Ruschmann Laienphilosophen zum zweiten von vier anderthalbtägigen Seminaren, um gemeinsam eine Weltbild-Analyse vorzunehmen. Diesmal ging’s um Gottesbilder, um Metaphysik.
Mit menschlichem Antlitz
Dass Menschen Götter nach ihrem Ebenbild verehren, beobachtete schon der griechische vorsokratische Philosoph Xenophanes und schrieb: „Die Äthiopier sagen, ihre Götter seien stumpfnasig und schwarz, und die Thraker behaupten, die ihren hätten hellblaue Augen und rote Haare.“ Xenophanes entwirft stattdessen die Vorstellung von einem „einzigen“ Gott, jenseits menschlicher Vorstellungsmöglichkeiten. Zugleich zeigt er klar die Erkenntnisgrenzen in Bezug auf diesen Bereich der Transzendenz (des „Überschreitens“) auf. Es war der erste „Gott der Philosophen“ (Weischedel), dem in den kommenden 2500 Jahren noch viele andere folgten.
Menschen neigen dazu, sich bestimmte Vorstellungen zu machen und „Gotttesbilder“ zu entwerfen. Selbst Atheisten, so zeigt Eckart Ruschmann auf, gehen meist von einer bestimmten Gottesvorstellung aus, um diese dann abzulehnen.
Der Kinder- und Jugendpsychiater Hans Peter hat in seiner Jugend jahrelang versucht, Atheist zu sein, letztlich vergeblich, weil er in der Natur, in der Musik, aber auch in besonderen Begegnungen mit Menschen „bescheidene transzendente Erfahrungen“ machen konnte. Er nimmt die Erkenntnisgrenze, wie Xenophanes sie zieht, wörtlich. Dem mutmaßlichen Gott beschied er: „Wenn ich ein Kind Gottes bin, mein Verstand in dieser Daseinsform aber so geschaffen ist, dass ich das nicht erfassen kann, dann habe ich dafür auch keine Verantwortung.“ Nachsatz: „Hundertprozentig zufrieden hat mich das nicht gemacht, ich sehe das wirklich als Weg und als Herausforderung, diesen Weg weiterzugehen.“
Die Paar- und Familienberaterin Marianna hat einen ganz anderen Weg hinter sich. Sie hat „bis ins mittlere Erwachsenenalter einen strafenden Gott gekannt. Also alles, was ich tat und was nicht gerade gepasst hat, für das wurde ich bestraft im Namen Gottes. (. . .) Ich hab eine Tochter, die hat Epilepsie, und ich musste hören: Das ist jetzt die Strafe für deine Vergangenheit, du hast manches falsch gemacht.“ So um den 50. Geburtstag herum kam die Wende und sie sagte sich: „Ich brauche diesen strafenden Gott nicht mehr.“ Unterstützt durch Lektüre und Gespräche hat sie sich nach und nach von ihrem strafenden Gott befreit. Heute ist sie noch immer auf der Suche. Aber das ist ihr gewiss: „Dieser Gott, den ich verehre, der ist nicht personifiziert. Der ist überall, der umfasst einfach alles, dieser Gott.“
Trost in der Weisheit
Jeder in dieser Gruppe hat seine ganz eigene Vorstellung von Gott, von der Transzendenz. So sagt Ulrich, der lange eine Fachklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie geleitet hat, sehr klar: „Ich ‚habe‘ keinen Gott, wobei er dem Wort „habe“ beim Sprechen ausdrücklich ein „in Anführungszeichen“ voranschickt.
„Dieses Erleben, dass es ein Universum gibt, das mich wohlwollend trägt, oder dass da eine Macht ist, die für mich gut sein könnte, das kenne ich nicht.“ Er fand einen kleinen „Trost“ bei Erasmus von Rotterdam, der schreibt: „Dort, wo die Weisheit ist, da ist mein Vaterland.“ (Ubi sapientia, ibi patria.) Und er muss heute noch lächeln, wenn er daran denkt, dass ausgerechnet seine Entscheidung, Arzt zu werden, von zwei religiösen Größen bestimmt wurde: von Albert Schweitzer und Dietrich Bonhoeffer. Was ihn letztlich trägt im Leben, sind Beziehungen zu anderen Menschen – er spricht von Erfahrungen des „Überschreitens“ (Transzendierens) in der liebenden Beziehung.
So zeigt sich: Die „Laienphilosophen“ haben ihre ganz persönlichen Vorstellungen von Transzendenz, von Gott. Dabei war die jeweilige Auseinandersetzung mit den verschiedenen Gottesbildern stets deutlich, und der Austausch über die unterschiedlichen Wege bereichernd. Ganz offensichtlich kommt niemand darum herum, sich mit dieser Frage auseinanderzusetzen.
Der deutsche Philosoph Karl Jaspers hat die Möglichkeiten, sich im Bereich der Metaphysik, der Transzendenzvorstellungen, zu bewegen, so charakterisiert: „Ob ohne, gegen oder mit der Transzendenz, für mögliche Existenz [also ein bewusstes, verantwortliches In-der-Welt-sein] ist Transzendenz die unaufhörliche Frage.“
Ich brauche diesen strafenden Gott nicht mehr.
Marianna

Laienphilosophen und Eckart Ruschmann im Gespräch. Foto: VN/Paulitsch
Literaturliste
» Weltanschauungen und Gottesbilder: Reflexionen für (und von) Laienphilosophen
Autor: Eckart Ruschmann, 240 Seiten, Thao.de, 2012, Preis 24,99 Euro
» Warum überhaupt Religion? Der Gott, der Richard Dawkins schuf.
Autor: Peter Strasser, 111 Seiten, Wilhelm Fink Verlag, 2008, Preis 16,40 Euro
» Der Gott der Philosophen.
Autor: Wilhelm Weischedel, 825 Seiten, Lambert Schneider Verlag, 2013, Preis 41,10 Euro
Weil das VN-Seminar für Laienphilosophen ausgebucht war, führt Eckart Ruschmann ein Parallelseminar. Wann? Am 11./12. Oktober 2013. Anmeldung und Auskunft unter Tel. 0650/ 29 18 06 0