Jürgen Weiss

Kommentar

Jürgen Weiss

Im Hintergrund

Vorarlberg / 12.08.2013 • 17:36 Uhr

Dass die Vorarlberger Sozialisten mit gerade noch zehn Prozent Stimmenanteil bei der letzten Landtagswahl ein kümmerliches politisches Dasein fristen, hat natürlich in erster Linie mit den aktuellen politischen und personellen Rahmenbedingungen zu tun. In früheren guten Jahren kam die SPÖ immerhin auf dreißig Prozent. Aber auch das war damals schon im Vergleich zu anderen Industrieregionen ein besonders niedriger Wert. Das hat Ursachen, die in die fernere und jüngere Vergangenheit zurückreichen.

Die den Sozialismus im 19. Jahrhundert nährenden Konflikte zwischen Arbeit und Kapital verliefen in Vorarlberg anders als sonst üblich. Die mit Beginn der Industrialisierung ins Land gekommenen Fabrikanten waren entweder protestantisch oder zumindest so liberal, dass sie im Gegensatz zum romtreuen Klerus standen. Dieser religionspolitische Hintergrund führte dazu, dass die katholische Kirche hierzulande in der Industrie keinen Verbündeten, sondern einen weltanschaulichen Gegner sah und daher eher auf der Seite der Arbeiterschaft stand. Die ersten Arbeiterbildungsvereine (Casinos) waren in Vorarlberg allesamt Gründungen der Kirche. Als hauptsächlich mit dem Eisenbahnbau der Sozialismus auch in Vorarlberg Einzug hielt, war die Interessenvertretung der Arbeitnehmer bereits stark in christlich-sozialer Hand.

In ein tiefes Loch fiel die SPÖ 1969 mit dem Verlust des Arbeiterkammerpräsidenten, dem 1974 der Sitz in der Landesregierung folgte. Dass an der Spitze der Arbeiterkammer erstmals in Österreich ein Vertreter der ÖVP Platz nahm, war natürlich in erster Linie das Verdienst Bertram Jägers, der diese Funktion dann 18 Jahre lang bekleidete. Im Hintergrund stand aber auch die politische und organisatorische Stärke des ÖAAB, des Arbeitnehmerflügels der Volkspartei, und seines damaligen Landesobmannes Hans Bürkle. Der Eisenbahnersohn war ein sowohl geradliniger als auch wortgewaltiger Christlichsozialer alter Schule, der als stellvertretender Landesparteiobmann, langjähriger Bludenzer Stadtrat und durch zwanzig Jahre Vertreter unseres Landes im Bundesrat großen Einfluss in der Vorarlberger ÖVP besaß. Von 1968 bis 1970 war er zudem unter Bundeskanzler Josef Klaus Staatssekretär im Sozialministerium und nach der Rundfunkreform 1967 zwölf Jahre Mitglied des ORF-Kuratoriums. Letzte Woche vor zwanzig Jahren kam er im Alter von 74 Jahren bei einem Autounfall ums Leben.

juergen.weiss@vn.vol.at
Jürgen Weiss vertrat das Land als Mitglied des Bundesrates zwanzig Jahre
lang in Wien und gehörte von 1991 bis 1994 der Bundesregierung an.
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