Der Schwerpunkt wird Sprache sein

Vorarlberg / 25.08.2013 • 20:44 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
LR Mennel: „Im Dezember werden wir bei Schülern, Eltern und Lehrern Bildungshaltungen und -erwartungen abfragen.“ Foto: vn
LR Mennel: „Im Dezember werden wir bei Schülern, Eltern und Lehrern Bildungshaltungen und -erwartungen abfragen.“ Foto: vn

Es hapert zunehmend an Grundfertigkeiten. Da will die Schule gegensteuern.

Bregenz. Landesrätin Bernadette Mennel legt kommendes Schuljahr das Hauptaugenmerk auf Sprache: „Immer mehr Kinder haben Schwierigkeiten beim Sprechen und Lesen.“ In Sachen Dienst- und Besoldungsrecht hofft sie doch noch auf Konsens mit der Gewerkschaft.

Wie waren die Ferien?

Mennel: Das waren 14 Tage Urlaub, Ferien sind was anderes. Aber sehr erholsam war’s . Ich hab das Schwimmen in der Ägäis genossen. Und viel gelesen.

Was zum Beispiel?

Mennel: „Jedes Kind ist hochbegabt“ von Gerald Hüther.

Ist das auch Ihr Credo?

Mennel: Jedenfalls hat jedes Kind Talente. Man muss sie nur fördern.

Bald stehen 4471 Kinder zum ersten Mal in einer Klasse. Was gibt ihnen die Schullandesrätin mit auf den Weg?

Mennel: Ganz wichtig ist, mit Freude in die Schule zu gehen. Motiviert und begeistert sein. Und wissenshungrig.

Der Lernerfolg steht und fällt mit der Begeisterung. Fördert die Schule heutzutage die Lust am Lernen ausreichend?

Mennel: Der Schlüssel ist immer die Lehrperson. Das lesen wir schon bei John Hattie (neuseeländischer Pädagoge, Anm. der Red.). Die Lehrperson muss Beziehung herstellen können, große Empathie zu den Kindern empfinden. Dann ist es ein wunderschöner Beruf. Natürlich haben wir die Herausforderung, dass Klassen mit Schülern besetzt sind, die unglaublich heterogen sind. Deshalb ist es auch so wichtig, dass wir das Schulpaket noch vor dem Sommer schnüren konnten. Das Land tritt dabei für den Bund in Vorleistung und setzt zu den 8,5 Millionen Euro, die wir zusätzlich in die Qualität der Bildung investieren, noch speziell zur Stärkung der Volksschulen und zur administrativen Entlastung der Direktoren 3,4 Millionen Euro ein.

Was steht heuer ganz oben auf Ihrer Agenda?

Mennel: Der pädagogische Schwerpunkt heißt „Sprache“, von der Frühpädagogik bis zum Gymnasium, und zwar nicht nur für Kinder mit migrantischem Hintergrund. Der Ausbau der ganztägigen Schulformen wird vorangetrieben. Wir hatten letztes Jahr 35 Klassen, die verschränkten Unterricht anboten. Kommendes Schuljahr sind es 13 Klassen mehr. Das verbessert die Vereinbarkeit von Familie und Beruf und wird helfen, Nachhilfe einzuschränken. Gemeinsam mit Landesrätin Greti Schmid werden wir in einem Konzept Qualitätskriterien für ganztägige Schulformen aufstellen. Außerdem werden wir im Dezember eine große Umfrage unter Eltern, Lehrern, Schülern durchführen. Dabei wird es um Bildungshaltungen und -erwartungen gehen.

Viele Eltern sind heute verunsichert. Sie wissen nicht, ob sie ihr Kind zu viel oder zu wenig fördern, ob etwa wirklich schon Abc-Schützen Englisch lernen sollen. Ist der Leistungsdruck auf Kinder heute zu hoch?

Mennel: Unterschiedlich. Auf der einen Seite gibt es hohen Leistungsdruck, auf der anderen Seite aber auch Kinder, die in ihren Familien nicht die Unterstützung erhalten, die gut wäre. Deshalb müssen wir schon in der Frühpädagogik ansetzen. Viele Kinder haben Schwierigkeiten beim Sprechen und Lesen. Deshalb der Schwerpunkt „Sprache“. Das kommt dem Kind zugute. In der Lehrerfortbildung werden wir Kompetenzlehrgänge zu Deutsch als Zweitsprache anbieten, Unterrichtsmaterialien entsprechend entwerfen. Und es wird eine Brückenprofessur zwischen der Universität Innsbruck und der Pädagogischen Hochschule zum Thema „Frühe Bildung und Elementarpädagogik“ geben. Das ist österreichweit einzigartig. Die Ausschreibung erfolgt im Herbst.

Was können Eltern tun, wenn sie erleben, dass ihr schulbegeisterter Erstklässler nach zwei, drei Jahren die Lust an der Schule verliert?

Mennel: Sie müssen zuerst fragen: Woran liegt es, wenn ein Kind plötzlich die Freude verliert? Ist es unter- oder überfordert? Deshalb ist der individualisierte Unterricht so nötig. Wir haben zum Teil Entwicklungsunterschiede von bis zu drei Jahren in einer Klasse. Wenn ein Kind also verweigert, sollte man auf das erste Zeichen reagieren, das Kind hören. Und das Gespräch mit Lehrern und Direktoren suchen.

Haben Vorarlbergs Schulen heuer genügend Lehrerinnen und Lehrer? Oder müssen auch bei uns Studenten aushelfen wie im Osten Österreichs?

Mennel: Wir können den Bedarf decken. Heuer treten 138 Lehrpersonen ihren Dienst neu an, zudem haben wir ca. 60 Wiedereinsteigerinnen. In Vorarlberg unterrichten insgesamt 4200 Lehrpersonen. Richtig ist, dass wir teilweise auch Pensionisten genommen haben. Und Quereinsteiger. Gerade die naturwissenschaftlichen Fächer sind eine Herausforderung.

Politisch steht der Schule ein heißer Herbst bevor. Am 29. September sind Nationalratswahlen. Wird der Entwurf für ein neues Lehrerdienstrecht den Wahltag überleben?

Mennel: Ich finde es irgendwo schade, dass es nach so vielen Verhandlungen doch nicht gelungen ist, gemeinsam mit der Personalvertretung eine Lösung zu finden. Ich hätte mir flexiblere Haltungen von beiden Seiten erwartet und hoffe immer noch auf einen Konsens mit der Gewerkschaft. Wichtig sind die hohen Einstiegsgehälter. Das ist ein Zukunftsberuf. Lehrer sind so wichtig für junge Menschen. Wir brauchen deshalb auch mehr Wertschätzung in der Gesellschaft. Wir haben unglaublich viele motivierte Pädagoginnen und Pädagogen, die viel über den „Dienst nach Vorschrift“ hinaus leisten. Gleichwertige Ausbildung – gleichwertiger Lohn, das muss sein. Aber mir fehlen im Entwurf die Leistungsanreize. Die Verbesserungen für Quereinsteiger hingegen find ich gut. Das kommt ja den Schülern zugute, wenn sie Praktiker kriegen.

Es könnte zu Streiks kommen.

Mennel: Ein Streik ist der Sache nicht dienlich. Das hoffe ich wirklich nicht. Wir dürfen von den sozialpartnerschaftlichen Gepflogenheiten nicht abrücken.

Geht der Entwurf durch, werden Sie es künftig mit lauter Professorinnen und Professoren zu tun haben. Wann kommt der Dozententitel für Kindergartenpädagoginnen?

Mennel: (lacht) Ja, das mit den Professoren ist eine typisch österreichische Lösung.

Lesen Sie morgen in den
VN über Kindergartenkinder
auf neuen Pfaden.