„Müssen Potenzial der Laien nützen“

Er ist die lkone der Kirchenreformer: Helmut Schüllers Bewegung lebt mit Franziskus auf.
Bregenz. Mehr als 30 Vertreter der Pfarrer-Initiative tagen heute in Bregenz. Initiator Helmut Schüller über ihre Pläne, den neuen Papst und Wege zu einer Seelsorge ohne personelle Engpässe.
Auf Ihrer USA-Reise wurden Sie als „Priester-Rebell“ herumgereicht. Freut Sie das?
Schüller: Es amüsiert mich eher. Es muss der Rebellion nicht gut gehen, wenn unsereiner schon als Rebell bezeichnet wird.
Aber Ihr „Aufruf zum Ungehorsam“ gilt noch immer?
Schüller: Eigentlich geht es uns um die Realisierung des II. Vatikanischen Konzils. Das war eine offizielle Kirchenversammlung und hat nichts Umstürzlerisches. Unsere Erwartungen teilen gestandene Katholiken, die alles andere als Rebellen sind.
Bringt Papst Franziskus auch für Ihre Bewegung Morgenluft?
Schüller: Absolut. Wir stellen mit Zufriedenheit fest, dass viele Themen vom Papst angesprochen werden, die wir lange schon behandeln: die Kurie, der Klerikalismus. Das bringt große Entspannung für uns. Es lässt auch hoffen, dass wirklich Taten folgen. Franziskus scheint etwas nachzuholen, was am Beginn des II. Vatikanums versäumt wurde, nämlich gleichzeitig die Kurie zu reformieren. Jetzt haben wir erste Schritte zu einer kollegialen Weltkirchenleitung.
Unklar ist für viele, wie liberal dieser Papst wirklich ist. Stichwort: Frauenpriestertum. Franziskus sagt: „Die Tür ist zu.“
Schüller: „Türe zu“ kann auch heißen: Sie ist vorläufig zu. Man kann klopfen, sie langsam wieder aufschließen. Ein Papst, der viel verändern will, muss klug vorgehen. Es leuchtet schon ein, wenn er sich vorsichtig verhält. Die Frage ist: Wo finden wir hinter den Überschriften, die er liefert, aufschlussreichere Texte?
Was bedeutet es, dass mit Franziskus der Jesuitenorden plötzlich an der Spitze der Katholischen Kirche steht?
Schüller: Es bedeutet ein gesundes Korrektiv zu Gemeinschaften wie Legionäre Christi, Opus Dei und Das Werk, die bisher das Sagen hatten. Die Jesuiten haben eine ganz andere Ausrichtung und ein ganz anderes Kirchenbild. Als ehemaliger Ordensoberer kann Franziskus zudem die weltweite Vernetzung der Jesuiten nützen. Er hat sein eigenes Informationsnetz. Für mich kommt noch dazu, dass er eine der letzten namhaften Führungsfiguren der lateinamerikanischen Bischofskonferenz war. Das Papier von Aparecida hat er federführend mitgestaltet. Es ist von Partizipation geprägt und von regionalem Selbstbewusstsein. Die dabei waren, sagen: Wenn er nur einen Bruchteil davon in die Weltkirche bringt, können wir uns einiges erwarten.
Was bedeutet es, wenn der Papst eine „Kirche der Armen“ fordert?
Schüller: Sein Begriff für Arme ist ganz weit. Franziskus meint auch den ganz gewöhnlichen Menschen, der wenig Einfluss hat, dessen kleines Leben unter vielen Sachzwängen steht. Und er meint die Armgehaltenen, die Entrechteten, die ja gar keine Randgruppe sind, sondern von der Nordhalbkugel aus nur fälschlich dafür gehalten werden. Die caritative Annäherung bedeutet, ihnen zu Mitteln zu verhelfen. Der andere Ansatz fordert: Wir müssen über die Strukturen reden. Damit gerät die Kirche mitten hinein in die politische Dimension. Das bedeutet eine neue Weichenstellung. Dann muss sich die Kirche bis in die Gemeinden hinein als Kritikerin der Wirtschaftsordnung profilieren, Kritik an denen üben, die den Ton angeben. Dann wird es mit dem Applaus allerdings auch schlagartig bergab gehen.
Das Erzbistum Freiburg nahm den neuen Wind aus Rom auf und lässt Wiederverheiratete zu den Sakramenten zu.
Schüller: Vatikansprecher Lombardi hat sich daraufhin beeilt zu betonen, dass das nicht die Äußerung eines Bischofs sei. Aber verurteilt hat er es nicht. Da öffnen sich schon Türen. Und Freiburg versucht, ganz bewusst hineinzugehen. Die österreichischen Bischöfe dagegen verharren bis jetzt in einem vorsichtigen Schweigen.
Vorarlberg hat vor drei Monaten einen neuen Bischof bekommen. Kennen Sie ihn?
Schüller: Wir hatten einmal kurzen Kontakt, als ich noch verantwortlich war für die Ombudsstelle der Missbrauchsopfer in Wien. Bischof Benno war damals Vorarlberger Pastoralamtsleiter. Ich blicke sehr angenehm darauf zurück, hab ihn als sehr klar und zügig erlebt. Jetzt leb ich von der Erleichterung und Freude der Vorarlberger Kollegen über diese Bischofsernennung. Vorarlberg hat hörbar aufgeatmet.
Und doch geschieht in dieser Diözese genau das, was Sie kritisieren: Pfarren werden zu Verbänden zusammengelegt.
Schüller: Es ist kein Geheimnis, dass wir diese Entwicklung skeptisch sehen. Viele unserer Mitglieder sind involviert. Sie wollen konstruktiv helfen, Lösungen zu finden, mit denen alle leben können. Das Problem ist: Da wird jetzt einmal für die nächsten Jahre gebaut, man geht vom derzeitigen Stand der Priester aus. Aber ein Kollege nach dem anderen wird die Großaufgaben nicht mehr erfüllen können. Priester werden zu obersten Kommunikatoren, zu Herumreisenden in Sachen Seelsorge.
Es gibt eben zu wenige Priester.
Schüller: Deshalb ist eine bloße Reorganisation von Pfarrgrenzen auch nicht die Lösung. Wir brauchen eine Neugestaltung des Leitungsamtes. Es gibt genügend Begabungen in den Gemeinden. Frauen und verheiratete Männer. Wir dürfen dieses Potenzial nicht liegen lassen. Derzeit halten wir Laien aus den zentralen Diensten heraus. Dabei könnten wir die Zeit nützen, sie heranzuführen. Pfarren fragen mich oft: Was wird mit uns geschehen? Ich antworte: Das ist die falsche Frage. Sie macht euch zum Objekt. Fragen müsst ihr: Wollen wir als Gemeinde weiterleben? Wofür wollen wir das? Was brauchen wir dazu? Und dann tretet an die Bischöfe heran und fragt sie: Wobei könnt ihr uns helfen?
Zur Person
Helmut Schüller
hat das Treffen der Pfarrer-Initiative in Bregenz geleitet.
Geboren: 24. 12. 1952 in Wien
Ausbildung: Theologiestudium in Wien und Freiburg im Breisgau
Laufbahn: Ab 1981 Diözesanjugendseelsorger in Wien, ab 1986 Mitarbeiter der Caritas, 1988 Direktor und später Präsident von Caritas Österreich. 1995 zum Wiener Generalvikar ernannt, 1999 wegen „tiefgreifender Meinungsverschiedenheiten“ von Kardinal Schönborn aus diesem Amt entlassen. 2006 stellt Schüller mit Pater Udo Fischer die Pfarrer-Initiative der Öffentlichkeit vor, die gegen die „bedenkliche Entwicklung der Pfarrzusammenlegungen“ auftritt. 2011 wird der „Aufruf zum Ungehorsam“ veröffentlicht, der die Zulassung von Frauen und Verheirateten zum Priesteramt fordert und ankündigt, dass das Predigtverbot von Laien missachtet wird. Helmut Schüller ist heute Pfarrer in Probstdorf und Universitätsseelsorger in Wien.