Sozialarbeit vor Totalumbau

Vorarlberg / 22.10.2013 • 20:54 Uhr
Die Jugendwohlfahrt entscheidet derzeit über Maßnahmen. „Das könnten wir auch selber“, sagt Allgäuer. Foto: VN/Uher
Die Jugendwohlfahrt entscheidet derzeit über Maßnahmen. „Das könnten wir auch selber“, sagt Allgäuer. Foto: VN/Uher

Pläne zur Sozialraum­orientierung: Große ­Institutionen bringen das Land in Zugzwang.

Bregenz. Seit Wolfgang Hinte Anfang Oktober das Schlagwort der „Sozialraumorientierung“ in die Vorarlberger Landschaft warf, ist es merkwürdig still geworden. Immerhin sieht dieser neue Ansatz vor, dass die Träger der sozialen Arbeit wie Caritas, Lebenshilfe, Kinderdorf und IfS künftig gemeinsam Felder beackern und mit im Voraus vereinbarten Budgets ihr Auslangen finden.

Es geht um viel: Das Sozialbudget des Landes umfasst rund 260 Millionen Euro. Da kommen Berufsbilder ins Taumeln: Der Klient soll nicht länger an die Fördertöpfe herangeführt, sondern dazu angeleitet werden, sein Leben selber in die Hand zu nehmen. Identitäten bröckeln: Laut Prof. Hinte ist es dem Klienten völlig egal, aus wessen Hand er Hilfe erfährt. Also ist künftig von Kinderdorf bis Caritas alles einerlei?

Stefan Allgäuer hat als Chef des Instituts für Sozialdienste (IfS) seit Monaten den Rechnungshof im Haus. Den Ball der Sozialraumorientierung fing er dennoch auf und hat ihn umgehend zurückgespielt. Dass Landesrätin Greti Schmid am 8. Oktober die Institutionen um Vorschläge für Pilotprojekte bat, kam ihm sehr recht. „Ich hab kurz danach Ideen eingebracht.“ Weil sich die Politik von der Sozialraumorientierung auch erhofft, dass sie Kosten sparen hilft, geht Allgäuer davon aus, dass man zügig ins Handeln kommen will.

Kleine und größere Brötchen

So wären Vorarlberger Kinderdorf und IfS etwa bereit, ihre Familienarbeit als Testfall sozialraumorientiert anzulegen. „Gegen einen Jahresbetrag würden wir einfach die Fälle übernehmen, die kommen.“ Das Budgetvolumen liegt derzeit bei etwa fünf Millionen Euro. Gleich fügt Allgäuer aber hinzu, „dass wir eine bestimmte Grenze der Leistungen setzen müssten“. Denn irgendwann ist das Geld ja aufgebraucht. Und er gibt zu bedenken, „dass es Rechtsansprüche auf Leistungen gibt“. Jugendliche etwa haben Anspruch auf staatlichen Schutz, egal wie viel Geld noch übrig ist. Das US-amerikanische System ist anders. Sehr viel brutaler. Betroffene bleiben rasch auf der Strecke. „Dort wollen wir nicht hin.“

Sein zweiter Vorschlag: „In der Jugendwohlfahrt bieten wir heute sechs verschiedene Leistungen an, von der einfachen Wohngemeinschaft bis zum Intensivprogramm im Ausland.“ Derzeit muss das IfS jeden Fall penibel einzeln abrechnen. Allgäuer denkt, dass ein gemeinsames Budget im Voraus genauso ginge.

Dritter Vorschlag: „Wir können auch größere Brötchen backen.“ Warum nicht den ganzen Pflegebereich zusammenlegen und schauen, ob man stationäre durch ambulante Leistung ersetzen kann? Oder den Behindertenbereich über Institutionsgrenzen hinweg organisieren: Derzeit arbeiten Lebenshilfe, IfS und Caritas getrennt. Allgäuer könnte sich vorstellen, dass z. B. IfS und Lebenshilfe in der Region Bregenz ihre Kräfte bündeln.

Natürlich weiß er, dass all die Projekte die Frage nach dem tatsächlichen Bedarf und andere Fragen stellen werden: Wenn etwa Lebenshilfe oder Kinderdorf als Marken verschwinden, wo kriegen die dann künftig Spendengelder her? Allgäuer will nicht unken; „Wir denken seit zehn Jahren über neue Spielregeln nach.“ Die Sozialraumorientierung ist ein möglicher Ansatz.

Er gibt auch schon erste Erfahrungen. Die Stadt Graz etwa hat ihre Jugendwohlfahrt im April 2004 umgestellt. Der Sozialpädagoge Vincent Richardt und Sonja Punkenhofer (Controlling) zogen im März 2013 Bilanz.

Untersucht haben sie 50 Projekte, 100 Falldokumente und 108 Akten beendeter Fälle. Und sie haben bei fast 300 Fällen nachgeschaut, ob die mit Klienten vereinbarten Ziele auch erreicht wurden. Bei 918 Zielen aus 297 Fällen lag die durchschnittlche Zielerreichung bei 71 Prozent. Sehr viel mehr Klienten haben nach Ende der Hilfen die angestrebte Unabhängigkeit erreicht, als das vor Einführung der Sozialraumorientierung der Fall war. Die Ausgaben sanken seit 2009 um 4,1 Mill. Euro. Also alles eitel Wonne? Nein, sagen die Fachleute, da wurde „ein ganz guter Standard“ erreicht, der sei aber überall ausbaufähig.

Wir müssen genau beobachten, dass wir nicht in US -Verhältnisse kippen.

Stefan Allgäuer, IfS
Stefan Allgäuer bei Hintes Vortrag: Suchen seit über zehn Jahren neue Regeln. Foto: VN/Steurer
Stefan Allgäuer bei Hintes Vortrag: Suchen seit über zehn Jahren neue Regeln. Foto: VN/Steurer

Stichwort

Sozialraumorientierung

ist das große Zauberwort in der Neuorientierung der Sozialpolitik, und Wolfgang Hinte ist sein Prophet. Landesrätin Greti Schmid lud den Professor für Sozialpädagogik aus Essen für 8. Oktober nach Bregenz ein. Einen Tag lang erklärte er mehr als 140 Vertretern von Kinderdorf, Caritas & Co, worum es geht: Der Wille der Klienten soll künftig im Mittelpunkt stehen, nicht deren Wünsche. Ihre Potenziale sollen genützt werden, um gemeinsam vereinbarte Ziele zu erreichen. Die Menschen sollen rasch von Hilfen unabhängig werden.