Angst vor Schmerz und Würdelosigkeit

Vorarlberg / 30.10.2013 • 18:20 Uhr
Es gab Gesellschaften, in denen der Tod allgegenwärtig war. Wir aber kämpfen den aussichtslosen Kampf gegen das Altern. Fotos: Caritas

Es gab Gesellschaften, in denen der Tod allgegenwärtig war. Wir aber kämpfen den aussichtslosen Kampf gegen das Altern. Fotos: Caritas

Erst durch den Gedanken an den Tod begreift der Mensch, was das ist: ein Lebewesen.

Schwarzach, Wien. Robert Menasse hat keine Angst vor dem Tod. Vor dem Sterben ja, vor Schmerzen und Würdelosigkeit. Dass wir das Sterben heute quasi vorverlegt haben, indem wir schon das Alter ächten, findet er besonders bedenklich.

Ein Gespräch über den Tod zu eröffnen fällt schon deshalb schwer, weil man sein Gegenüber nicht in Verlegenheit bringen will. Als wäre der Tod etwas Peinliches, jedenfalls nicht gesellschaftsfähig. Dabei geht er ja alle an. Haben wir da ein Tabu heranreifen lassen, das es zu brechen gilt?

Menasse: Heute wird nicht erst der Tod tabuisiert, sondern davor schon das Alter. Das ist historisch neu. Es gab Gesellschaften, in denen der Tod allgegenwärtig war, und es gab Gesellschaften, in denen er möglichst verdrängt wurde. Doch hat es immer den Wunsch gegeben, möglichst lange zu leben, alt zu werden. Aber wir verdrängen bereits das Alter. Alten Menschen wird kein Respekt für Lebensleistungen und Erfahrungen entgegengebracht, sie werden entsorgt und abgeschoben. Sie sind nicht produktiv, sie sind nicht schön, sie haben Erinnerungen statt Zukunftsvisionen, sie sind nicht an Wachstum interessiert, sondern an Ordnung, nicht an Kampf, sondern an Würde – sie widersprechen allen Fetischen unseres Systems. Sie sind das Memento mori der Wachstumsgesellschaft, deshalb ein Skandal. Das ist die radikalste Form der Verdrängung des Todes: wenn der ewige Menschheitstraum vom langen Leben nicht als soziale Errungenschaft empfunden wird, sondern als asoziale Lebensspanne, die nur noch auf den Tod verweist. Im Grunde beginnt heute das Sterben dort, wo die Verdrängung schwitzend produziert wird, im Fitnessclub: im aussichtslosen Kampf gegen das Altern.

Sie haben im Rahmen der Caritas-Hospizkampagne „Feiert das Leben“ Ihre eigene Totenmaske anfertigen lassen. Wie beklemmend war dieses Gefühl?

Menasse: Es war nicht beklemmend. Es war kontemplativ.

Denken Sie manchmal ans eigene Sterben?

Menasse: Ja. Erstens ist das eine gute Übung, um etwas zu lernen, was man als Künstler können muss: sich etwas schwer Vorstellbares vorstellen zu können. Zugleich finde ich, dass sich jeder Mensch von Zeit zu Zeit bewusst damit beschäftigen sollte. Der Mensch ist das einzige Lebewesen, das den Tod denken kann – und nur, wenn er das tut, kann er ganz begreifen, was das ist: ein Lebewesen.

Haben Sie Angst vor dem Tod?

Menasse: Nein. Aber ich habe Angst vor dem Sterben. Sterben und Tod werden oft verwechselt. Vor dem Tod muss man nicht Angst haben. Er tut nicht weh. Sterben aber kann verdammt schmerzvoll sein, physisch und psychisch. Wenn ich die Zeit vor meiner Geburt versuche zurückzudenken, immer weiter zurück, kann ich ewig zurückgehen und bin ewig nicht gewesen. Und nach meinem Tod werde ich ewig nicht sein. Das Leben ist nur die kurze Zeitspanne zwischen diesen zwei Ewigkeiten. Zwei Jahreszahlen, dazwischen ein Gedankenstrich. Die Zeit vor der zweiten Jahreszahl, das ist der Horror, davor habe ich Angst: vor Schmerz und Würdelosigkeit.

Wie müsste Ihr Sterben beschaffen sein, wenn Sie sich das aussuchen könnten?

Menasse: Es gibt Menschen, die wollen das Sterben nicht erleben, sie wollen es nicht bemerken – sie wollen im Schlaf sterben, oder wie vom Blitz getroffen plötzlich umfallen. Dann sagt man: Ein schöner Tod! Das will ich nicht. Ich will nicht lange leiden, aber das möchte ich doch: wissen, dass ich sterbe, und die Möglichkeit haben, mich verabschieden zu können. Ich hatte eine Tante, die Krebs hatte. Eines Abends sagte sie zu meinem Onkel, der an ihrem Bett saß: „Schatzl, gib mir einem Kuss, ich sterbe jetzt!“ Er küsste sie, ihr Herz machte einen Sprung und hörte auf zu schlagen.

Haben Sie selber den Tod schon mitangesehen? Sie haben 2009 zur Eröffnung des Brucknerfestes davon erzählt. Während eines Flugs von São Paulo nach Amsterdam stirbt Ihr Sitznachbar binnen weniger Minuten.

Menasse: Das habe ich nicht erlebt. Das habe ich fantasiert. Aber ich glaube, der Text, in dem ich das erzählt habe, ist ganz gut geworden.

Eine wieder und wieder strapazierte Weisheit besagt: „Es ist alles lächerlich, wenn man an den Tod denkt.“ Sie führt einen zur Frage: Was bleibt? Was sollte bleiben?

Menasse: Es gibt Menschen, die bleiben im kollektiven Gedächtnis einer Gesellschaft oder gar der Welt, andere in der Erinnerung eines kleinen Kreises von Familie und Freunden. So oder so ist das Schönste, was von einem Menschen bleiben kann, ein Bild von der Schönheit und Größe des Lebens, und das Schrecklichste, was bleiben kann, ist das mit einem Namen verbundene Bild davon, zu welchen Ungeheuerlichkeiten ein Mensch imstande ist.

Judentum, Christentum und Islam trösten die Menschen auf jeweils eigene Weise mit der Vorstellung vom Paradies. Ist Ihnen der Gedanke an ein Leben nach dem Tod tröstlich?

Menasse: Nein. Selbst wenn es ein Leben nach dem Tod gibt, hat der Glaube daran zu so vielen Verwüstungen auf der Welt geführt, dass der Trost, den dieser Gedanke gewähren mag, diese nie aufwiegen kann.

Ihr mutmaßlicher Vorfahr, der sephardische Gelehrte und Rabbiner Menasse ben Israel, der in den Humanistenkreisen des 17. Jahrhunderts bestens bekannt war und den späteren Philosophen Baruch Spinoza unterrichtet hat, war von der Unsterblichkeit der Seele derart überzeugt, dass er ein eigenes Auferstehungsbuch verfasst hat. Was bedeutet für Sie Seele?

Menasse: Die Krankheit der Seele ist leichter nachzuweisen als ihre Existenz. Das ist das Problem. So lange wir dieses Problem haben, gibt es Geschichte.

Davor habe ich Angst: vor Schmerz und Würdelosigkeit.

Robert Menasse

Zur Person

Robert Menasse, 1954 in Wien geboren, studierte Germanistik, Philosophie sowie Politikwissenschaft in Wien, Salzburg und Messina und promovierte im Jahr 1980 mit einer Arbeit über den „Typus des Außenseiters im Literaturbetrieb“. Menasse lehrte anschließend sechs Jahre – zunächst als Lektor für österreichische Literatur, dann als Gastdozent am Institut für Literaturtheorie – an der Universität São Paulo. Dort hielt er vor allem Lehrveranstaltungen über philosophische und ästhetische Theorien ab, u. a. über Hegel, Lukács, Benjamin und Adorno. Seit seiner Rückkehr aus Brasilien 1988 lebt Robert Menasse als Literat und kulturkritischer Essayist in Wien und Amsterdam.