Unterwegs in ein neues Leben

Der junge Flüchtling Zaker zeigt, was geschieht, wenn ein Geist sich entfalten kann.
Feldkirch. Gut ein Jahr ist das jetzt her. Mohammed, Nasrat und die anderen unbegleiteten minderjährigen Asylwerber hatten eben ihre Zimmer bezogen. Im Keller des Feldkircher Caritashauses St. Michael baumelte ein Boxsack von der Decke. Ein Stockwerk höher durfte der 15-jährige Zaker Soltani zum ersten Mal seine Bilder an die Wand hängen. Im Sommer 2012 war der junge Afghane vor dem Lagertor von Traiskirchen aufgetaucht. Jetzt richtete er sich in der Vorarlberger Buben-Wohngemeinschaft ein. Und machte sich ans Lernen.
Ungemein produktiv
Heute, ein Jahr später, liegt ein aufgeschlagenes Latein-Buch auf dem Schreibtisch. Aus dem 15-jährigen Flüchtlingsbub von damals wurde ein 16 Jahre alter Schüler des Feldkircher Bundesgymnasiums Schillerstraße. Der ordentlich mit der Zeit kämpft. Schließlich lehnen in dem kleinen Atelier, das er sich einrichten durfte, noch leere Rahmen an der Wand. 22 Bilder will Zaker demnächst in einer Ausstellung zeigen. Einen markanten Frauenkopf hat er aus Ton herausgearbeitet. Die beiden modellierten Hände gehören zur Installation einer mannshohen Weltkugel aus Pappmaché.
Auf Zakers schmalem Bücherbrett schmiegen sich gebrauchte Kunstbände aneinander, die Zaker so behutsam zur Hand nimmt, als bedeuteten sie sein Leben. Und irgendwie tun sie das auch. Zaker hat in der kurzen Zeit nahezu perfekt Deutsch gelernt. Sein künstlerisches Talent hat so viele Menschen beeindruckt, dass er zusammen mit dem gleichaltrigen Flüchtling Najib Alami am 16. November seine erste eigene Ausstellung eröffnen wird.
Schritte in eine neue Welt
Kunst heißt ihm alles. Weil in der bildnerischen Klasse am Gymnasium kein Platz mehr war, besucht Zaker heute den musischen Zweig. In Afghanistan war ihm klassische Musik völlig fremd. Aber so, wie ein Mentor in Wien ihm die Museen der Bundeshauptstadt und die Oper erschloss, so hat sein Vorarlberger Mentor Hans Kallinger ihm den Weg zu Festspielen und Konzerten geebnet. Heute hört der junge Asylwerber Bruckner, Beethoven und Mozart. Er hat begonnen Violine zu lernen. Und sträubt sich gegen ein Foto: „Ich bin doch erst Anfänger.“ Das Instrument lieh ihm die Schule. Dass er auch im Chor singt, versteht sich fast von selbst. Zaker hat inzwischen subsidiären Schutz erhalten. Den gewährt Österreich, wenn Asylwerber bei Rückkehr in ihre Heimat um ihr Leben fürchten müssen. Subsidiärer Schutz wird für ein Jahr beschieden und dann allenfalls verlängert.
Das ist der einzige Punkt im Gespräch, an dem sein sprudelnder Redefluss ins Stocken kommt. Wenn die Vorstellung Platz greift, er könnte eines Tages nach Afghanistan zurückgeschickt werden, verstummt Zaker. Er versucht auszusprechen, was er fühlt. Aber es gelingt ihm nicht. Das Wort „Albtraum“ murmelt er wieder und wieder.
Zaker hat keine Eltern mehr. „Den Vater haben die Taliban getötet“, die Mutter starb im pakistanischen Exil. Nur eine Schwester lebt noch, verheiratet in Pakistan. „Mein Zuhause ist hier“, sagt er und möchte später Medizin studieren, „weil ich es ganz toll finde, wenn ich als Arzt anderen Menschen helfen kann.“ Schon als Kind hat er davon geträumt. Jetzt könnte dieser Traum wahr werden.


Die Vernissage findet am Samstag, 16. November, um 19 Uhr in der alten Seifenfabrik statt.