Sendeleiter
Dass ein führender Landespolitiker gleichzeitig Sendeleiter von Radio Vorarlberg ist, gilt heute natürlich als völlig abwegig. Dass es bei uns tatsächlich einmal der Fall war, gehört zu den Kuriositäten der Nachkriegszeit. 1946 übergab die französische Militärverwaltung das im Dornbirner Rathaus untergebrachte Rundfunkstudio samt den Sendeanlagen im Lauteracher Ried dem Land Vorarlberg, das daraus eine Dienststelle der Landesregierung machte. Sogar die Mitglieder des Rundfunkorchesters waren somit Landesbedienstete. Nachdem der Verfassungsgerichtshof 1954 in einem umstrittenen Erkenntnis Rundfunk zur Bundesangelegenheit erklärte, forderte der Verkehrsminister die Übergabe von Studio und Sender, und als das Land zögerte, wurde von der Post kurzerhand die Leitung abgeschaltet.
Der erwähnte Sendeleiter war der letzte Woche vor hundert Jahren in Bregenz geborene Eugen Leissing. Aus seinem Engagement in der katholischen Jugendbewegung wurde bald eine führende Beteiligung am Widerstand gegen die Nationalsozialisten, was ihm Verfolgung, Berufsverbot und Inhaftierung einbrachte. Als nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges im Mai 1945 eine provisorische Landesregierung gebildet und dafür von Landeshauptmann Ulrich Ilg auch ein Vertreter der jüngeren Generation gesucht wurde, fiel die Wahl auf Eugen Leissing, der die Zuständigkeit für Schule und Kultur übernahm. Nach der Landtagswahl folgte die Bildung einer regulären Landesregierung, in der Leissing als Regierungsreferent für kulturelle Angelegenheiten verantwortlich blieb, bis er dann 1946 die Sendeleitung von Radio Vorarlberg übernahm. Daneben war er 1945 in den Landtag gewählt und gleichzeitig auch in den Bundesrat nach Wien entsandt worden, was ihm die Bezeichnung „Bundes-Eugen“ eintrug. Von 1945 bis 1970 gehörte er auch der Bregenzer Stadtvertretung an, zweimal als Kulturstadtrat.
Abgesehen von der Herausforderung, im September 1945 die Wiederaufnahme des Schulbetriebes zu organisieren, war Leissing um die Wiederbelebung des kulturellen Geschehens bemüht. Neben der Errichtung des Rundfunkorchesters und des Theaters für Vorarlberg steht auch seine Mitwirkung bei der Gründung der Bregenzer Festspiele im Vordergrund, wobei ihm seine Kontakte zur französischen Militärverwaltung sehr zugute kamen.
Der vor dreizehn Jahren verstorbene Eugen Leissing gehört zu jenen Nachkriegspolitikern, von denen man respektvoll sagen kann, dass sie der Heimat mehr gaben, als diese (finanziell betrachtet) ihnen.
juergen.weiss@vorarlbergernachrichten.at
Jürgen Weiss vertrat das Land als Mitglied des Bundesrates zwanzig Jahre
lang in Wien und gehörte von 1991 bis 1994 der Bundesregierung an.
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