Auf der Suche nach der Stille

Vorarlberg / 20.12.2013 • 18:50 Uhr
Vor jedem Chorgebet schaltet Abt Anselm den kleinen elektronischen Quälgeist auf „Bitte nicht stören“. Sonst wird das nichts mit der Vertiefung ins Gebet. Foto: VN/Steurer
Vor jedem Chorgebet schaltet Abt Anselm den kleinen elektronischen Quälgeist auf „Bitte nicht stören“. Sonst wird das nichts mit der Vertiefung ins Gebet. Foto: VN/Steurer

Dem Abt der Mehrerau ist die Vorweihnachtszeit zu laut. Da geht die Botschaft unter.

Bregenz. Der Ordensregel des heiligen Benedikt zufolge versinkt auch das Zisterzienserkloster Wettingen-Mehrerau jeden Tag nach dem Abendgebet namens „Complet“ in das sogenannte „große Stillschweigen“. Den ersten Satz eines jeden Tages sprechen die Mönche gemeinsam um 5 Uhr im Chorgebet: „Domine, labia mea aperies . . .“ (Herr, öffne meine Lippen, auf dass mein Mund Dein Lob verkünde.“)

Warum ist das Schweigen so wichtig im klösterlichen Alltag?

Abt Anselm: Der ganze Tag sollte immer wieder unterbrochen werden von Augenblicken des Stillschweigens. Ein Mönch braucht Zeit für das Gebet, für die Lesung, fürs Alleinsein. Im 21. Jahrhundert zählt das zu den größeren Herausforderungen. Einerseits sind Klöster als Oasen der Stille sehr gefragt, andererseits leben auch wir Mönche in einer immer schnelllebigeren Zeit.

Auch Sie als Abt sind über iPhone und Internet rund um die Uhr erreichbar. Können Rückzüge da überhaupt glücken?

Abt Anselm: Man muss eiserne Disziplin wahren, aber ich habe das selber bis jetzt nicht wirklich geschafft. Gott sei Dank gibt es auf dem iPhone die „Nicht-stören-Funktion“. Das schafft ein wenig Abgrenzung.

Der heilige Benedikt beklagt in seiner Mönchsregel das übermäßige Schwatzen.

Abt Anselm: Er zitiert aus dem Buch der Weisheit, wo sinngemäß steht: Nur der Tor redet unkontrolliert und unentwegt. Auch Politikern, die immer über alles etwas sagen müssen, täte Zurückhaltung gut. Auch uns in der Bischofskonferenz: Ein Bischof muss nicht immer alles kommentieren, wenngleich die Medien das einfordern.

Die Kirche empfiehlt, den so geschäftigen Advent als Zeit der Stille zu verbringen. Warum?

Abt Anselm: Es tut zunächst einfach gut, einmal innezuhalten und das Jahr Revue passieren zu lassen, auf das eigene Gewissen zu hören. Unabhängig davon, ob man an Christus glaubt oder nicht, steigt in dieser Zeit auch die Bereitschaft, aufeinander zuzugehen.

Und doch fällt vielen Menschen Weihnachten schwer. Sie können nichts (mehr) damit anfangen.

Abt Anselm: Wenn ich ehrlich bin, auch mir ist Ostern lieber. Der Konsum hat viel dazu beigetragen, die Botschaft zu verfälschen. Es wirkt so gekünstelt, wenn Menschen auf einmal lieb sind, obwohl wir wissen, sie mögen uns nicht.

Was würde das Fest retten?

Abt Anselm: Im Grunde ist Weihnachten ein Fest des Mitgefühls. Vielleicht sollten wir damit aufhören, uns kostbar zu beschenken. Dann wäre wieder Platz für diese kostbare Stille, die das Osterfest in der Karwoche so passend vorbereitet.

Es ist gekünstelt, wenn Menschen plötzlich lieb sind, obwohl wir wissen, sie mögen uns nicht.

Abt Anselm van der Linde
Vor jedem Chorgebet schaltet Abt Anselm den kleinen elektronischen Quälgeist auf „Bitte nicht stören“. Sonst wird das nichts mit der Vertiefung ins Gebet. Foto: VN/Steurer
Vor jedem Chorgebet schaltet Abt Anselm den kleinen elektronischen Quälgeist auf „Bitte nicht stören“. Sonst wird das nichts mit der Vertiefung ins Gebet. Foto: VN/Steurer