Gottes Nachname? Müller, Mayer . . .

An Weihnachten 2013 trägt der Papst selbst die Botschaft in den Alltag der Menschen.
Rom. Er ist die große Überraschung von 2013. Das „Time Magazine“ hat Papst Franziskus zum „Mann des Jahres“ gekürt. Auch als er am 17. Dezember seinen 77. Geburtstag feierte, blieb sich der neue „Boss“ von 1,2 Milliarden Katholiken treu: Statt der Kardinäle und Erzbischöfe führte der päpstliche Almosenmeister Konrad Krajewski vier Obdachlose in die Casa Santa Marta. Sie leben draußen im Umfeld der Via della Conciliazione, die schnurgerade zum Petersplatz führt. Der faschistische Duce Benito Mussolini hat die Prachtstraße 1936 planen lassen. 1950 wurde sie fertiggestellt. Jetzt wurde sie ihrem Namen gerecht. Versöhnung also zwischen Arm und Reich. Nur ein Symbolakt im Vorfeld der Weihnachtszeit?
Gemeinsames Frühstück
Zu den vier Obdachlosen gesellten sich noch Angestellte des vatikanischen Pilgerhotels, etwa die Reinigungsfrauen. Gemeinsam feierten sie mit dem Papst Gottesdienst, dann wurde gefrühstückt. An das Bild des Papstes, der sich im Speisesaal selber sein Essen holt, haben sich die Mitarbeiter des Vatikan erst langsam gewöhnen müssen. Seine Predigten forderten die Mitarbeiter des Presseamtes heraus. Da gab es kein Manuskript, das man in der Folge ins Internet stellen konnte. Dieser Papst pflegt in der Morgenmesse frei zu predigen, so auch am Morgen seines Geburtstags.
Ein sperriges Evangelium lag da vor ihm. Der Stammbaum Jesu, wie ihn der Evangelist Matthäus überliefert: „Abraham war der Vater von Isaak, Isaak von Jakob, Jakob von Juda . . .“ Ein Text wie aus dem Telefonbuch. Der Papst interpretiert ihn anders. „Gott wollte in die Geschichte eintreten. Er ist mit uns. Er geht den Weg mit uns.“ Gott habe sich gewünscht, „mit uns Geschichte zu machen“, sagte Franziskus. Eine Geschichte, die „von der Heiligkeit bis zur Sünde reicht“. Im Stammbaum Jesu stünden Heilige, aber auch Sünder.
Gottes Familiennamen
„Sünder auf hohem Niveau, die schwere Sünden begangen haben. Und Gott hat mit ihnen Geschichte gemacht. Sünder, die nicht in allem dem entsprachen, was Gott von ihnen wollte. Denken wir an Salomo. Aber Gott war mit ihm. Und das ist das Schöne, nicht? Gott ist wesensgleich mit uns. Er macht Geschichte mit uns. Mehr noch: Wenn Gott sagen will, wer er ist, sagt er: „Ich bin der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs.“ Aber welchen Familiennamen hat Gott? Unseren. Den von jedem von uns. Er nimmt unsere Namen und macht daraus seinen Familiennamen. Ich bin der Gott von Peter, von Marietta, von Armony, von Marisa, von Simone, von allen! Der Familienname Gottes ist jeder von uns.“
Dass dieser Gott weniger Weihrauch und mehr konkretes Zupacken erwartet, gehört zum neuen Stil im Vatikan. Keiner weiß das besser als Konrad Krajewski. Der 50-jährige Priester stammt aus dem polnischen Lodz. Er hat schon Papst Johannes Paul II. gedient. Damals war er für die liturgischen Feiern des Papstes zuständig. Herr über Gewänder und Kelche sozusagen. Franziskus fand rasch eine andere Verwendung für ihn.
Am 3. August erhob der Papst Krajewski zum Titularerzbischof von Beneventum und stellte ihn an die Spitze des vatikanischen Almosenbüros. Diese Einrichtung mit dem lateinischen Titel „Eleemosynaria Apostolica“ existiert seit Jahrhunderten. Franziskus hat sie aus ihrem Dasein am Rand in den Mittelpunkt der Kirche gerückt.
Der Papst greift selber ein
Seit dem Sommer gehört der weiße Fiat Qubo von Erzbischof Krajewski fest zum nächtlichen Stadtbild von Rom. Begleitet von einem seiner zehn Mitarbeiter kurvt Krajewski durch die ewige Stadt und verteilt Geld unter den Bedürftigen. An die 100 Schecks stellt er pro Woche im Namen des Papstes aus. Dass der Heilige Vater selbst ihn auf seinen nächtlichen Fahrten begleitet, dieses Gerücht hält sich hartnäckig. Es wurde vom Vatikan nur halbherzig dementiert. Das Bild des Papstes, wie er im schwarzen Clergyman heimlich die Armen der Stadt versorgt, ist einfach zu schön. Zumindest dass der Papst selber regelmäßig zum Telefonhörer greift und Hilfesuchende anruft, ist verbürgt. Das Oberhaupt der katholischen Kirche hat das zwar nicht bestätigt, immer wieder gibt es seit seinem Amtsantritt im März aber Berichte von Angerufenen.
Heute feiert der ehemalige Erzbischof von Buenos Aires sein erstes Weihnachtsfest als Papst. „Weihnachten ist Begegnung“, hat er im Vorfeld betont. Dementsprechend hat der Papst am Wochenende das Kinderkrankenhaus Bambino Gesù besucht; es liegt in der Nähe des Vatikans, auf dem Gianicolo-Hügel. Johannes XXIII. hat diese Tradition begründet. Das ist derjenige, der die Fenster des Vatikans zur Welt aufgestoßen hat. Heute stehen sie wieder offen, offener denn je.
Aber welchen Familiennamen hat Gott? Unseren. Den von jedem von uns.
Papst Franziskus