Schicksalsjahr 1914 beginnt „heiter“

An Neujahr 1914 deutete kaum etwas auf den bevorstehenden Weltkrieg hin.
Schwarzach. Im Gegensatz zum Neujahrstag 2014 lag Vorarlberg am 1. Jänner 1914 tief verschneit. Die Wochenzeitung „Vorarlberger Volksfreund“ schrieb von 120 cm Schnee am Bödele: „Wetter heiter, Rodelbahn gut.“ Dabei war das alte Jahr stürmisch zu Ende gegangen. Dem Harder Schiffbauer Dörler hatte in der Nacht zum 29. Dezember ein Sturm die frisch errichtete Werfthalle zertrümmert. Vor der Silvesternacht meldeten internationale Zeitungen anhaltende Unwetter im gesamten Ostseeraum, Überschwemmungen in Nordostdeutschland, Berlin versank unter Schneemassen.
Ideologische Stürme
Anders in Vorarlberg. Sechs Monate vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs tobten hier allenfalls Kämpfe ideologiescher Natur. Das klerikale Vorarlberger Volksblatt wetterte in seinem Neujahrsgruß an die Leserschaft gegen die „zügellose Presse“: Sie habe die Menschenwürde in Misskredit gebracht. Denn „nichts führt so sehr wie sie zur Aufreizung der Leidenschaften, zur Aufwühlung der Volksmassen, zur Verwilderung der Sitten und zum Verderben, das grauenhaft durch die Länder zieht“. Die sozialdemokratische „Vorarlberger Wacht“ blieb nicht verlegen und erinnerte die Leserschaft an „das wüste Kesseltreiben der Christlichsozialen gegen die Vertrauensmänner unseres Blattes“. Die Arbeiter habe das freilich nur noch enger zusammengeschweißt.
Wein bleibt teuer
Darüber hinaus beklagte die „Wacht“ den Umstand, dass trotz guter Traubenernte offenbar der Wein nicht billiger werde, als denkbar unsozial. Der Festlaune tat das freilich keinen Abbruch: Der Arbeiter-Radfahrerverein rüstete zur Neujahrsfeier, die am 1. Jänner im Dornbirner Gasthof Rössle über die Bühne ging. Voll waren alle Vorarlberger Blätter von sogenannten „Neujahrsentschuldigungen“, eine typisch österreichische Erfindung. Es war damals Brauch, jedem Verwandten oder Bekannten persönlich Glückwünsche für das neue Jahr zu überbringen. Von dieser oft lästigen Pflicht konnte man sich loskaufen, indem man eine „Neujahrsentschuldigungskarte“ erwarb. Der Käufer dieser Karte wurde in eine Liste von Spendern aufgenommen, die dann in der Zeitung veröffentlicht wurde. Mit dem Geld wurde der Armenfonds aufgebessert. Nicht selten hefteten die Käufer ihre Karten auch an ihre Haustüren, um vorbeikommenden Bettlern zu vermitteln, dass man hier bereits gespendet hatte.
Kein Glück hatte an diesem Silvester vor 100 Jahren indessen der Hatlerdorfer Kaiserjäger Ernst Diem. Aus Angst, er könne keinen Weihnachtsurlaub kriegen, fingierte er in seiner Kaserne in Südtirol, als er auf Wache stand, einen Überfall auf seinen Posten. Er schoss in die Dunkelheit und brachte sich selber leichte Verletzungen bei. Aber seine Vorgesetzten entdeckten den Schwindel. Über Silvester saß Diem im Garnisonsarrest.

