Jürgen Weiss

Kommentar

Jürgen Weiss

Schlechte Noten

Vorarlberg / 03.02.2014 • 19:38 Uhr

Wenn jemand, der sich im Allgemeinen als Vorzugsschüler wähnt, bei der Zeugnisverteilung dann schlechte Noten hat, ist das schon eine herbe Überraschung. Das musste Vorarlberg bei den in der letzten Woche veröffentlichten Ergebnissen des jüngsten Bildungsstandard-Tests erfahren. Dabei war man eigentlich schon vorgewarnt, denn bereits die Länderauswertung des vorletzten PISA-Tests hatte wenig Erfreuliches über das hiesige Leistungsniveau zutage gefördert. Dass in unserem Schulwesen etwas im Busch ist, konnte man auch daran erkennen, dass sich das Interesse an der Übernahme von Leitungsfunktionen an den Schulen in letzter Zeit häufig in sehr engen Grenzen hielt. Der Posten eines Schuldirektors hat offenbar keine große Anziehungskraft mehr.

Das gängige Patentrezept für Verbesserungen im Schulwesen – die Gesamtschule – hat bei den Erklärungsversuchen bisher noch kaum eine Rolle gespielt. Das ist auch kein Wunder. Denn ein erheblicher Teil der Mängel wurde an den Volksschulen sichtbar, aber eine reinrassigere Gesamtschule als die Volksschule gibt es gar nicht. Die üblichen Verdächtigen – die Gesamtschulskeptiker – fallen diesmal als Sündenböcke also aus.

Ähnliches gilt für die Neue Mittelschule, mit der nach kurzer Erprobung nahezu lückenlos die Hauptschule abgelöst wurde und die teilweise als eine Art Kompromiss-Vorstufe für eine spätere Gemeinsame Schule aller Zehn- bis Vierzehnjährigen angesehen wird. Abgesehen davon, dass die Vorgangsweise bei ihrer Einführung vom Rechnungshof heftig kritisiert wurde, hat auch sie sich offenkundig nicht als Wunderwaffe erwiesen. Sie hat beim jüngsten Bildungstest keineswegs besser als die Hauptschule abgeschnitten, lag aber deutlich hinter der Unterstufe der Gymnasien. Dabei wird in der Neuen Mittelschule für Lehrerpersonalkosten je Schüler um 50 Prozent mehr aufgewendet als in den AHS-Unterstufen.

Das, wie auch ein Blick nach Deutschland zeigt also deutlich, dass mit neuen Schildern auf der Schule und selbst mit kräftiger Anschubfinanzierung keine Wunder erwartet werden dürfen. Der Schlüssel liegt heute mehr als in der Vergangenheit in der Frühförderung zur Verbesserung der Sprachkompetenz und in vermehrter Ganztagsbetreuung, weil sie in vielen Familien – vor allem bei Migranten – nicht mehr ausreichend geleistet werden kann. Wie eh und je fällt die Leistungsfähigkeit der Schule aber wohl in erster Linie mit der Qualität und Begeisterungsfähigkeit der Lehrerinnen und Lehrer zusammen. Vielleicht sollte man sie einfach einmal ungestört von Reform-Stakkato in Ruhe arbeiten lassen.

juergen.weiss@vorarlbergernachrichten.at
Jürgen Weiss vertrat das Land als Mitglied des Bundesrates zwanzig Jahre
lang in Wien und gehörte von 1991 bis 1994 der Bundesregierung an.
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