„Wir wollen nicht draufzahlen“

Vorarlberg / 09.03.2014 • 20:40 Uhr
Martin Brock Foto: VN/Paulitsch
Martin Brock Foto: VN/Paulitsch

Kieferorthopäden vermissen Qualitätssicherung und fordern soziale Staffelung.

Schwarzach. Als „unausgegoren“ bezeichnete Dr. Martin Brock, Sprecher des Verbands der österreichischen Kieferorthopäden, den vorliegenden Gesetzesentwurf zur Gratiszahnspange. Er befürwortet zwar die Maßnahme speziell in Hinblick auf Mehrkindfamilien, doch der Einsatz der in Aussicht gestellten 80 Millionen Euro stelle sich nach wie vor sehr nebulos dar. Abgesehen davon glaubt Brock, dass das Geld nicht einmal für die prognostizierten Behandlungsfälle reicht.

Eltern hätten die Zahnspangen ihrer Kinder ja schon lange gerne bezahlt erhalten. Kam der Beschluss zur Gratis-zahnspange für Sie trotzdem überraschend?

Brock: Überraschend an der Geschichte ist eigentlich nur, dass sie jetzt doch so schnell kommt, die geringe Geldmenge, die zur Verfügung steht, und wie wenig man sich vorher überlegt hat, wie alles geregelt werden soll.

Aber grundsätzlich ist die Maßnahme zu begrüßen?

Brock: Natürlich, wir finden es toll, wenn Geld in die Hand genommen wird, um Familien zu entlasten. Die Maßnahme ist sicher auch zielführend, denn gerade für Mehrkindfamilien können Zahnspangen erhebliche finanzielle Belastungen bringen. Als problematisch betrachten wir, dass die ursprüngliche Gratiszahnspange für alle inzwischen auf die Einstufung nach IOTN 4 und 5 reduziert wurde, was bedeutet, dass letztlich nur ein Drittel der Patienten davon profitieren.

Heißt das im Umkehrschluss, dass zwei Drittel der Kinder keine Zahnspange brauchen?

Brock: Es handelt sich tatsächlich um sehr viel Ästhetik, und der angedachte IOTN bezeichnet jene Kieferfehlstellungen, die im späteren Leben des Patienten zu gesundheitlichen Problemen führen könnten. Das ist ein an sich logischer Zugang. Wir fordern schon seit Jahren, dass jene, die mehr brauchen, mehr bekommen. Heute erhält jeder gleich viel, egal, wie hoch der medizinische Bedarf ist.

Wie viel Geld würde es brauchen?

Brock: Sicher wesentlich mehr als die angekündigten 80 Millionen Euro, weil Ansprüche und Nachfrage steigen werden. Wir sind fast sicher, dass die vom Ministerium kalkulierten 85.000 Behandlungsfälle pro Jahr bei weitem überschritten werden. Natürlich sind 80 Millionen Euro viel Geld, aber allein für die prognostizierten Fälle viel zu wenig. Da bleiben 940 Euro pro Jahr und Fall. Das reicht niemanden, nicht einmal einem Kassenambulatorium. Die Zahnambulatorien verlangen heute schon zwischen 4700 und 4900 Euro. Jetzt sollen wir um 2800 Euro arbeiten.

Die Gesetzesvorlage befindet sich bereits in Begutachtung . . .

Brock: Ja, aber sie ist diesbezüglich sehr nebulos. Deshalb wird in den Verhandlungen zwischen Sozialversicherungsträger und Zahnärztekammer nichts Gescheites herauskommen. Von uns kann man nicht verlangen, dass wir bei jeder Behandlung draufzahlen.

Was wären Konsequenzen?

Brock: Dass es niemand macht, und wenn trotzdem, wird es eine Behandlung auf dem Niveau von vor 30 Jahren, mit einem Ergebnis, das keiner akzeptieren kann.

Wollen Sie mehr Geld?

Brock: Wir fordern nicht mehr Geld, aber wir wollen eine vernünftige und objektive Definition, wer solche Behandlungen durchführen darf. Wenn das nicht geklärt wird, kommt es mit Sicherheit zu unnötigen Behandlungen, die wiederum zu belastenden Zweit- und Drittbehandlungen und Mehrkosten führen. Es wäre auch ein vertraglich geregeltes Geldleistungssystem flexibler und treffsicherer. Durch die Staffelung der Zuschüsse könnte sowohl auf die medizinische wie auf die soziale Bedürftigkeit differenzierter Rücksicht genommen werden.

Sollte die Feststellung, wer was behandeln darf, auch gesetzlich geregelt werden?

Brock: Was gesetzlich geregelt gehört, ist, dass man endlich die Fachzahnarztausbildung anerkennt und uns die Titelführung erlaubt. So weiß der Patient sofort, mit wem er es zu tun hat. Kieferorthopäden und Zahnärzte können trotzdem nebeneinander existieren.

Sie reden im Zusammenhang mit der Gratiszahnspange auch von fehlender Qualitäts­sicherung.

Brock: Sie wird in der aktuellen Diskussion völlig vernachlässigt. Ich denke, dass es im Sinne der Patienten­sicherheit notwendig ist, die Ergebnisse, die wir produzieren, nach internationalen Standards zu evaluieren. Sonst ist es kaum möglich, das Niveau der Behandlungen insgesamt zu heben.

Heißt das, es wurde bislang schlecht gearbeitet?

Brock: Nicht unbedingt, aber die Arbeit wird nicht kontrolliert. Es gibt Messinstrumente, man muss sie nur anwenden. Das stellt auch keinen großen bürokratischen Aufwand dar, denn einen ­bürokratischen Overkill wollen wir nicht.

Wäre da nicht der Kieferorthopäde von sich aus gefordert?

Brock: Die, die gut arbeiten, machen es ohnehin. Es geht immer um die, die es nicht so genau nehmen oder sonst ein Defizit haben. Denen würde es helfen.

Haben Sie als privater Verein überhaupt die Möglichkeit zur Intervention?

Brock: Wir können nur Bewusstsein schaffen: in der Öffentlichkeit, bei den Patienten und bei den Kollegen.

Martin Brock  Foto: VN/Paulitsch
Martin Brock Foto: VN/Paulitsch