„Die Raupe weiß nichts vom Schmetterling“

Vorarlberg / 11.04.2014 • 20:22 Uhr
Bischof Benno Elbs: „Die Raupe stirbt und verwandelt sich in einen wunderschönen Falter. Anders gesagt: Die Liebe ist stärker als der Tod.“
Bischof Benno Elbs: „Die Raupe stirbt und verwandelt sich in einen wunderschönen Falter. Anders gesagt: Die Liebe ist stärker als der Tod.“

Wie erklärt man Kindern das Osterfest? Fragen wir doch den Bischof. Der war schließlich lang genug Lehrer.

Feldkirch. (VN) Ein Gott, der seinen Sohn ermorden lässt, ohne einen Finger krumm zu machen? Ein Toter, der lebendig wird? Wer heutzutage Andersgläubigen das Christentum erklären möchte, kommt ganz schön in Nöte. Die VN reichen Kinderfragen an Bischof Benno weiter und bitten um kindgerechte Antworten.

Bischof Benno, Ostern ist das wichtigste Fest der Christenheit. Für Eltern sind Kreuzigung und Auferstehung Jesu aber viel schwerer zu erklären als etwa das Weihnachtsfest mit Geburt in der Krippe und Ochs und Esel. Was antworten Sie, wenn ein Kind fragt: Warum hat Gott zugelassen, dass sein Sohn ans Kreuz genagelt wird, hatte er ihn nicht lieb?

Elbs: Gott hat die Menschen grundsätzlich unendlich lieb. Er geht mit ihnen, versucht, ihnen zu helfen. Jesus hat als sein Sohn den Menschen von dieser Liebe Gottes erzählt. Er ging zu den Aussätzigen, zu den Traurigen und Kranken und hat sich so der Menschen angenommen. Aber vielen Menschen hat das nicht gepasst. Sie waren eifersüchtig. Auch den römischen Machthabern blieb nicht verborgen, dass Jesus viele Anhänger fand. Deshalb haben sie entschieden, ihn aus dem Weg zu räumen. Eigentlich hat nicht Gott seinen Sohn geopfert, es ist der Widerstand der Menschen gewesen, die das Verhalten Jesu nicht akzeptiert haben. Warum lässt Gott das zu? Ich glaube, ein guter Vater, eine gute Mutter geht auch mit in die Nacht. Gott ist mit Jesus gegangen, er hat ihn nicht allein gelassen. Er hat uns so gezeigt, dass er Menschen auf all ihren Kreuzwegen begleitet. Klar hätte Jesus auch sagen können: Wenn es schwer wird, geh ich nicht mehr mit. Aber was wäre das für ein Mensch, der abhaut, wenn es dir schlecht geht? Ich muss an so viele Kinder denken auf der Welt, in Syrien zum Beispiel. Wie erleben die Ostern? Manchmal, wenn es ganz dunkel wird, hilft nur noch die Zusage: Gott geht mit.

Am Palmsonntag ist ja noch alles in Butter. Jesus zieht in Jerusalem ein. Alle jubeln. Die finden das prima. Der bringt frischen Wind. Sie rufen sogar „Hosianna“. Es sind dieselben Menschen, die fünf Tage später rufen: „Kreuzigt ihn!“ Warum geht er nicht einfach weg und sucht sich Leute, die ihn wirklich mögen?

Elbs: Warum haben die Menschen gejubelt? Sie wurden damals von den Römern unterdrückt und hatten nur einen großen Wunsch: Freiheit und Frieden. In Jesus sahen sie ihren Friedenskönig. Sie hatten die Erwartung, dass er sie mit Waffengewalt befreien würde. Aber dann haben sie gemerkt, dass Jesus sich selber anders sieht. Dass er nicht zu den Waffen greifen wird, sondern gekommen war, um den Menschen die Liebe Gottes zu zeigen. Da waren sie enttäuscht, traurig und wütend. Da ist die Stimmung umgeschlagen. Einfach, weil Jesus nicht ihren Erwartungen entsprochen hat. Bei Stars kennen wir das heute auch, hochgelobt und abgelehnt, das steht oft unmittelbar nebeneinander. Warum geht Jesus dann nicht weg? Viele laufen davon, wenn es schwierig wird. Aber Jesus läuft nicht davon. Er hat eine Mission, so wie Mahatma Gandhi oder Mutter Teresa oder Bischof Erwin Kräutler. Er will den Menschen zeigen: Gott geht mit dir.

Am Abend vor seiner Kreuzigung hat Jesus seinen Freunden die Füße gewaschen. Warum hat er das getan? Das konnten die doch selbst.

Elbs: Wenn ich jemandem zeigen möchte, dass ich ihn gern habe, dann tu ich etwas, womit ich den anderen wichtig mache. Papst Franziskus ging letztes Jahr in ein Gefängnis. Heuer besucht er am Gründonnerstag ein Krankenhaus für Behinderte. Er kniet sich vor die Menschen hin und wäscht ihre Füße. Jesus zeigt damit: Wenn der Meister Sklavendienst verrichtet, dann kehrt das alles um. Jetzt ist es nicht mehr entscheidend, ob jemand oben oder unten ist. Wenn ich mich vor dem anderen bücke, dann zeige ich, dass er wertvoll ist. Das ist eigentlich die Zusammenfassung der Lehre Jesu, fast so was wie die Verfassung der Bibel.

Später geht er dann in einen Garten, um zu beten. Aber ein ehemaliger Freund von ihm führt die Soldaten dorthin, damit sie ihn verhaften. Warum hat er sich nicht gewehrt?

Elbs: Jesus selber sagt: Wer zum Schwert greift, wird durch das Schwert umkommen. Wer zuschlägt, kriegt selber Schläge. Wer andere demütigt, wird Hass ernten. Es geht Jesus darum, diese Gewaltspirale zu durchbrechen. Dass nicht immer Gewalt mit Gewalt beantwortet wird. Jesus wurde von einem Freund verraten. Das hat ihm wehgetan. Und doch hat er, als Petrus das Schwert zog, ihm geboten, er soll sofort damit aufhören. Die Liebe und die Versöhnung bilden die einzige Kraft, wie man aus einem Feind einen Freund machen kann. Frère Roger hat das so gesagt: Die Güte des Herzens ist die einzige Kraft, welche die Welt nachhaltig verändert.

Warum haben seine Freunde und seine Mutter ihm nicht geholfen?

Elbs: Sie hatten gar keine Chance, ihm zu helfen. Jesus hätte auch nicht gewollt, dass sie ihn raushauen. Deshalb sind sie einfach bei ihm geblieben. Seine Mutter und sein bester Freund sind sogar bis zum Kreuz mitgegangen. Das war ihre Hilfe. Wenn ein Kind heute krank wird, kann ihm die Mama auch nicht die Schmerzen wegnehmen. Aber bei ihm bleiben kann sie, ihm die Hand halten. Ihre Hand nicht zurückziehen.

Und wie geht das mit der Auferstehung?

Elbs: Also, wie das genau war, das wissen wir nicht. Wir lesen nur, dass das, was da passiert ist, alles, was die Jünger bis dahin kannten, übertroffen hat und völlig neu war. Die Jünger hatten sogar Angst, als ihnen der Auferstandene erschienen ist. Die Frauen gehen zum Grab, sie wollen den Leichnam waschen, wie das damals Brauch war. Aber das Grab ist leer. Da fürchten sie sich. Sie spüren, dass da etwas Außergewöhnliches passiert ist. Sie erfahren, dass der Gekreuzigte lebt. Sie begegnen ihm. Und diese Erfahrung entfaltet eine unwahrscheinliche Kraft. Die Liebe ist stärker als der Tod. Leben und Liebe stehen am Ende. Wir sehen das auch in der Natur. Die Raupe weiß noch nichts vom Schmetterling. Sie stirbt und verwandelt sich in einen wunderschönen Falter. Oder denken wir an einen dürren Ast. Wer es nicht besser weiß, hält ihn für tot. Aber drei Wochen später steht er in voller Blüte. In der Kirche denken wir daran, dass in der Mitte der Nacht der neue Tag beginnt. Wenn es am dunkelsten ist und man vor lauter Trauer gar nicht mehr an ein Morgen glauben mag, dann trägt einen doch die Erfahrung weiter, dass der neue Tag bereits begonnen hat. Manche Gemeinden – und das ist besonders schön – feiern ihre Osternacht deshalb gegen Morgen zu, damit sie ins erste Licht des neuen Tages mündet.

Liebe und Versöhnung bilden die einzige Kraft, wie man aus Feinden Freunde machen kann.

Benno Elbs