Vom Leben in der Stille

Die Karmelitinnen in Rankweil kommen ohne Radio, TV und Internet gut zurecht.
rankweil. Sie kommt gerade aus dem Garten. Durch das schmiedeeiserne Gitter des Sprechzimmers lächelt ein freundliches Gesicht. Dabei sind die Priorin Anna Maria und ihre 22 Mitschwestern auf Besuch nicht eingestellt. Sie leben zwar mitten in Rankweil, doch völlig zurückgezogen. Im Karmel sucht man Zerstreuungen wie Internet und Fernsehen vergebens. Mutter Priorin lächelt. Nachsichtig. Sie brauchen so was nicht in diesem Kloster, das vor 50 Jahren durch Heimweh entstanden ist.
„Damals standen hier noch keine Häuser.“ Stünde sie jetzt auf dem Vorplatz, würde sie wohl die Blicke schweifen lassen. Die Nachbarn bemerkten es mit Verwunderung. So etwas tut eine Karmelitin nicht. Und die 53-jährige Burgenländerin bittet auch eingehend darum, nicht ihre Person in den Mittelpunkt des Zeitungsartikels zu stellen. Vorsichtig schiebt sie die Festschrift zum 50-Jahr-Jubiläum ihres Klosters unter dem Gitter hindurch: „Da steht alles drin.“
Eine vergilbte Fotografie
Fast alles. Ein altes Fotoalbum verrät noch mehr. Die Schwestern haben es dem damaligen Weihbischof Bruno Wechner als Erinnerung an die Einweihung ihres Klosters am 19. April 1964 geschenkt. Die Initiative geht auf Filomena Spadin zurück. Die wollte 1907 eigentlich in den Karmel in Wien-Baumgarten eintreten. Aber nach wenigen Monaten war ihr Heimweh nach Rankweil zu stark. Bei ihrem Abschied sagte die Priorin zu ihr: „Gründen Sie in ihrer Heimat einen Karmel!“ Der Gedanke ließ Filomena nicht mehr los. Beharrlich arbeitete sie im Stillen.
Am 22. Jänner 1960 erlaubte Bischof Paulus Rusch dann die Gründung. Noch im selben Jahr übersiedelten fünf Karmelitinnen nach Rankweil, wo sie im Elternhaus der Familie Spadin wohnten. Die Pläne für ein eigenes Kloster zerschellten vorerst am Geldbedarf. Erst eine Predigt von Bischof Wechner brachte 1962 die Wende. Da brach der Damm. Und am 19. April 1964 zogen die Schwestern in den neuen Karmel ein.
„Karmel“ ist ein sonderbares Wort. So heißt ein Berg in Israel. Vor über 800 Jahren zogen sich Einsiedler dorthin zurück. Die Heiligen Theresia von Avila und Johannes vom Kreuz haben den Orden der Karmeliten im 16. Jahrhundert in Europa dann erneuert. Heute leben weltweit 11.600 Frauen und 4000 Männer nach strengen Regeln.
Urlaub? Nicht eingeplant
„Treue zur Kirche ist uns ganz wichtig“, sagt Priorin Anna Maria. Und vor allem das Gebet. Dafür haben sich die Frauen zurückgezogen. „Eigentlich verlassen wir die Klausur nie“, bestätigt die Priorin. „Arztbesuche oder wählen gehen“ einmal ausgenommen. „Wir fahren auch nicht auf Urlaub.“ Wovon sie leben? „Wir verzieren Kerzen“, die kann man kaufen. Immer wieder treten großzügige Wohltäter auf. „Und unser Garten gibt viel her.“ Es ist ein sehr bescheidenes Leben. Eines ohne Handy. Nicht einmal ein Radio trällert manchmal durch die Gänge. Nur die Zeitung erhalten die Schwestern. „Und Bekannte rufen uns manchmal an“, wenn etwa ein neuer Papst gewählt wurde.
Wie hat es die Burgenländerin nach Vorarlberg verschlagen? „Ich hab einen guten Karmel gesucht.“ Dass in Rankweil so ein echter Rückzugsort liegt, hat sich inzwischen herumgesprochen.
Menschen bitten um Gebete
Die jüngste der 23 Schwestern ist 20 Jahre alt. Die Frauen kommen aus Österreich, Deutschland, der Schweiz, aus Südtirol und den Niederlanden. Dass der Kontakt zur Außenwelt nicht vollends abbricht, dafür sorgen schon die zahlreichen Anliegen, die an die Schwestern herangetragen werden. Da geht es um schwierige Ehen. „Bitte mach meine Mama wieder gesund“, hat Miriam am 11. April mit krakeliger Schrift ins Fürbittbuch geschrieben. Andere plagen Sinnfragen. All diese Anliegen nehmen die Schwestern mit in ihre klösterliche Stille. Und beten für die Menschen, die sich selber nicht zu helfen wissen.
So, jetzt ist es aber genug. Priorin Anna Maria erhebt sich. Vielleicht ein Foto noch? Da weicht das Lächeln für einen Augenblick aus ihrem Gesicht. Doch sie fasst sich rasch und tritt beherzt aus dem Gesichtsfeld des Besuchers.
Die Liebe zum eigenen Konterfei zählt nichts im Leben einer Karmeliterin. Ob die Schwestern überhaupt wissen, was ein „Selfie“ ist? Vermutlich würden die allerorts grassierenden Selbstporträts mit Digitalkameras ihnen ungläubiges Staunen entlocken.



Am 28. April feiern die Schwestern in einer Festmesse den 50-jährigen Bestand ihres Klein-Theresien-Karmel in Rankweil um 16 Uhr mit den Bischöfen Klaus Küng und Benno Elbs. Im Anschluss Agape vor der Kirche.