Mit dem Wörterbuch auf Raten

Vorarlberg / 12.05.2014 • 19:24 Uhr
Remzi Cansiz: Ein Ordner voller Briefe. Foto: VN/Matt
Remzi Cansiz: Ein Ordner voller Briefe. Foto: VN/Matt

50 Jahre Anwerbeabkommen mit der Türkei: Remzi Cansiz kam als einer der Ersten.

Dornbirn. Er hat die Briefe noch. Umtriebig hört man Remzi Cansiz im Nebenzimmer wühlen, dann trägt er freudestrahlend einen Aktenordner herbei. Ein Ordner voller Liebesbriefe ist das. Remzi hat sie damals seiner Angebeteten in ihr kleines Dorf ans Schwarze Meer geschickt, Anfang der 1970er- Jahre. Manchmal bat er sie darum, an einem vereinbarten Tag in die benachbarte Stadt zu gehen. Damit sie telefonieren konnten. „Im Dorf gab es kein Telefon.“

Andere Zeiten waren das. Remzi Cansiz wuchs ab 1956 in Arsen am Schwarzen Meer auf, der Vater war Bauer und Arbeiter. Der Großvater hütete Schafe und Ziegen. „Von Österreich hatten wir keine Ahnung.“ Auch, dass dieses ferne Land 1964 ein Anwerbeabkommen mit der Türkei abschloss, berührte weiter niemanden. „Bis mein Onkel nach Istanbul ging.“ Dort hat er sich untersuchen und verpflichten lassen. Und landete in Dornbirn. „Bei den Ruschwerken“ hat er angefangen und ist dann „zum Rollfix gewechselt“. Nach anderthalb Jahren kam er auf Urlaub nach Arsen. Den jungen Remzi hat das nachhaltig beeindruckt. Der Onkel lud ihn ein. Und Remzi ging Anfang März 1973 als einziges von fünf Geschwistern nach Österreich. Seine spätere Frau kannte er da schon. Ein Jahr und einen Aktenordner voller Liebesbriefe später hat er sie geheiratet und nach Dornbirn geholt.

Wie war der Anfang? „Schwer.“ Remzi konnte nicht Deutsch. Das erste Wort hat er im Zug gelernt: „Ganz gut.“ Damit kommt man nicht weit. In der türkischen Boulevardzeitung Tercüman las er dann die rettende Anzeige und bestellte sich einen Langenscheidt Deutsch-Türkisch . . . in London! Für umgerechnet 480 Schilling. Die hat er auf Raten abgestottert. Bei einem Stundenlohn von 18 Schilling wäre das anders nicht gegangen.

Heute hat Remzi sein eigenes Rollladengeschäft. Das läuft mal besser, mal schlechter. Beide Söhne und eine der drei Töchter arbeiten mit im Familienbetrieb. Und er selber? Fühlt er sich als Österreicher oder Türke? Beides, irgendwie. Er hat als einer der Ersten Döner in Vorarlberg verkauft und sich mit dem Geld in der Türkei ein Haus gekauft. Der Aktenord-

ner erzählt von der Fernbeziehung zur Frau am Schwarzen Meer. Aber zwischen den Briefen flattert ein Wahlzettel hervor, für die Arbeiterkammerwahl in Vorarlberg . . .

Das erste Bild von Remzi in Österreich: Hier schläft der Junge 1973.
Das erste Bild von Remzi in Österreich: Hier schläft der Junge 1973.
Ab 1977 betreibt Remzi in Lustenau
Ab 1977 betreibt Remzi in Lustenau “die zweite Döner-Bude in Vorarlberg”.
Auf großer Fahrt: Freunde der Familie in ihrem ersten Auto.
Auf großer Fahrt: Freunde der Familie in ihrem ersten Auto.
In Trabzon erregen solche Fotos aus Vorarlberg Aufsehen.  
In Trabzon erregen solche Fotos aus Vorarlberg Aufsehen.  
 Remzi 197 in der eigenen Imbissbude.  
 Remzi 197 in der eigenen Imbissbude.  

Stichwort

Abkommen. Im Wirtschaftsaufschwung nach dem Zweiten Weltkrieg herrschte in Österreich Arbeitskräftemangel. Den sollten „Gastarbeiter“ ausgleichen. Am 15. Mai 1964 wurde das Anwerbeabkommen zwischen Österreich und der Türkei unterzeichnet. Zwei weitere Abkommen wurden 1962 mit Spanien und 1966 mit Jugoslawien geschlossen.