Vier Schüler haben nicht gereicht

01.07.2014 • 18:06 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Zum krönenden Abschluss noch eine Multiplikation. Aber Elena macht das kein bisschen verlegen. „Die vier Kinder waren ein Glücksfall“, streut ihnen ihre Lehrerin Inge Maria Drexel Rosen.
Zum krönenden Abschluss noch eine Multiplikation. Aber Elena macht das kein bisschen verlegen. „Die vier Kinder waren ein Glücksfall“, streut ihnen ihre Lehrerin Inge Maria Drexel Rosen.

Vorarlbergs kleinste Volksschule im Ebnit schließt am Donnerstag für immer.

Dornbirn. An so einem strahlend schönen Sommertag belohnt das Ebnit die abenteuerliche Anfahrt mit einem atemberaubenden Panorama. Morgens um acht ist es noch ganz still. Rinder und Schafe grasen an den Hängen, nur ein Hahn kräht unverdrossen. Jemand schüttelt seine weiße Daunendecke in die Morgensonne. Idyllisch verabschiedet die Dornbirner Bergparzelle ihre letzten Volksschüler. Die vier kommen lachend die Straße herunter. „Wir fünf sind ein historisches Ereignis“, betont Inge Maria Drexel. Zweieinhalb Jahre war sie Direktorin und einzige Lehrerin in Vorarlbergs kleinster Schule. Die macht mit Schulende für immer dicht. Am Donnerstag erhalten Elena (9), Hannah (10), Philip (9) und Lea (10) ihr Abschlusszeugnis. Das war’s dann.

Nach über 200 Jahren schließt die Volksschule, weil vier Schüler einfach zu wenig sind. Der benachbarte Gasthof Alpenrose wird das Haus künftig für Seminare nutzen. Die Schulmöbel kommen vorerst auf den Dachboden. Die Kollegen der Volksschule Gütle haben sich aus den Lehrmitteln bereits die brauchbaren Stücke reserviert.

Eine Frage der Zeit

Zwar sind unter den 135 Einwohnern von Ebnit 16 Kinder, die zehn Jahre oder jünger sind. Aber die meisten Eltern schicken ihre Kinder nach Dornbirn. Dorthin, wo sie selber zur Arbeit gehen. Es war nur eine Frage der Zeit, bis sich das Spiel nicht mehr ausging.

Drexel erzählt das ohne Bitterkeit. „Ich bin dankbar, dass man uns dieses letzte Schuljahr geschenkt hat.“ Ihre vier Schulkinder tragen inzwischen Blumenvasen ins Freie. Zum letzten Mal erlebt der winzige Sportplatz das Ritual des Morgenkreises. „Margerite grüßt Lavendel“ und „Lavendel grüßt Unbekannt“. Die vier tanzen und klatschen, dass der benachbarte Hahn sich entrüstet zurückzieht. Freuen sie sich auf ihre neuen Schulen? Ja, sie haben sich Mittelschule und Gymnasium schon angeschaut. „Voll cool“, urteilt Hannah. Sie freuen sich aufs Werken, Singen und Turnen. Und vor allem auf „viele Mitschüler“. So eine kleine verschworene Gemeinschaft kann mitunter auch eng werden.

Kein Vergleich

Weite tankt Hannah den Sommer über auf der Alp am Spullersee. Und Philip wird einfach „gar nix tun“. Er ist von allen am seltensten „am Land draußen“. Wenn er einen Pool zu Hause hätte, hat er unlängst verkündet, müsste er nicht einmal zum Schwimmen das Ebnit verlassen. Denn diese kleine Welt hinter der unwegsamen Schlucht kann einen auch gefangennehmen. „Das ist ein mystischer Ort“, sagt die Direktorin, die künftig an der Volksschule Heiligenreuthe unterrichten wird. Auch ein kleines Haus mit 36 Kindern, und doch kein Vergleich: Die haben dort eine Schulglocke, während im Ebnit die Kaffeekanne der Lehrerin die Pause anpfiff. Man erreicht Heiligenreuthe auch immer ganz verlässlich. Fast verträumt erinnert sich Drexel daran, dass sie bei ihrem Dienstantritt zwei Wochen lang nur mithilfe der Feuerwehr ins Ebnit gelangt ist, weil ein Felsbrocken die Straße verlegt hatte. „Das ist dann allerdings weniger mystisch“, gibt sie zu und lacht. Man hat ihr Mut attestiert. Sie war gerne hier. Das spürt man.

Es hat eben alles seine Zeit. Die vier Ebniter Volksschüler geben heute ihr Abschiedsfest. Am Donnerstag dreht Inge Maria Drexel zum letzten Mal den Schlüssel um. Dann wird es seltsam still im Haus. Vor der Alpenrose hält eben ein gelber Postbus. Eine quirlige Schülerschar kullert auf den Vorplatz. „Einkehrschwung?“ rufen zwei vorwitzige Bubenstimmen. Die Lehrerin ist noch blass um die Nase. „War das eine Fahrt!“, seufzt sie und macht die Augen weit vor dieser herrlichen Naturkulisse. Hier raunen die Bäume einander Geschichten zu. Vielleicht kommen ja Philip oder Hannah, Lea oder Elena ab Herbst in ihre Klasse. Und bringen ein wenig Ebniter Zauber mit.

Werkraum, Küche und Singkreis in einem: Die letzte Klasse der Volksschule Ebnit kostet am Schluss jede Minute aus. Fotos: VN/Paulitsch
Werkraum, Küche und Singkreis in einem: Die letzte Klasse der Volksschule Ebnit kostet am Schluss jede Minute aus. Fotos: VN/Paulitsch
Morgenkreis: „Margerite grüßt Lavendel.“
Morgenkreis: „Margerite grüßt Lavendel.“