Kämpfer gehen nicht in Rente

Vorarlberg / 11.07.2014 • 19:28 Uhr
Für seine Arbeit mit indigenen Völkern wurde Kräutler 1992 mit dem Russpreis ausgezeichnet.  Foto: Monteiro
Für seine Arbeit mit indigenen Völkern wurde Kräutler 1992 mit dem Russpreis ausgezeichnet. Foto: Monteiro

Bischof Erwin Kräutler wird heute 75. Tauben füttern steht nicht auf seinem Programm.

Altamira. Was bleibt? Das fragt man sich doch an runden Geburtstagen. Wenn einer 75 wird, kommt er an der Lebensbilanz nicht vorbei. Menschen wie Bischof Erwin Kräutler bilanzieren öffentlich. In Interviews und Hintergrundberichten. Alles gut vorbereitet. Denn wer weiß, wo Kräutler am 12. Juli 2014 gerade ist? In Altamira, seinem Bischofssitz am Amazonas? Oder am Oberlauf des Rio Xingu, der seiner brasilianischen Diözese den Namen gibt? Wer den aus Koblach stammenden Ordensmann und Priester erreichen möchte, muss seine E-Mails früh versenden. Er wird 75. Aber er sitzt mit Sicherheit nicht auf einem Bänkle und wartet auf Glückwünsche.

Er hat selbst einen Brief verschickt. Darin bittet er Papst Franziskus um Versetzung in den Ruhestand. Bischöfe müssen das tun mit 75. Später schreiben sie meist Bücher. Wenn man sie mochte, werden sie als begehrte Firmspender herumgereicht. Großväterliche Symbole einer verständnisvollen Kirche, die allen Richtungskämpfen und Anfechtungen von außen zum Trotz doch so gebraucht wird in dieser blitzschnellen, karrieresüchtigen Welt. Die anderen ziehen sich in die Winkel ihrer Überzeugung zurück und hadern mit der säkularen Gegenwart.

Dem Bischof vom Amazonas wird kein Klischee gerecht. Den Gefallen tut er uns nicht. Auch auf den zweiten Blick erweisen sich schnelle Antworten als brüchig.

Gewiss, Erwin Kräutler, der 49 Jahre seines Lebens in Brasilien verbrachte, hat Hinweisspuren gelegt: Er wird künftig öfter in Vorarlberg sein. Das Konsumchristentum Europas kann einen Aufwecker seines Formats gut brauchen. Der Papst persönlich wird ihn in die Formulierung seiner Ökologie-Enzyklika einbinden. Die Vorstellung vom ehemaligen Erzbischof aus Buenos Aires und dem Bischof vom Amazonas, wie sie da gemeinsam in den vatikanischen Gärten Papiere durchackern und dabei ein Glas Mate trinken, ist schon verlockend. Bestimmt wird Erwin Kräutler die Zukunft seiner Kirche weiterhin mit zündenden Wortspenden anfeuern: „Älteste“ als Gemeindeleiter, das Modell verwendet er ja selber schon am Amazonas. Sein Weg ist also vorgezeichnet. Vom Kämpfer zum Ratgeber. Dem Träger des Alternativen Nobelpreises steht eine Zukunft als gefragter Gastredner bevor.

Das alles ist viel. Aber es füllt den Platz unterm Strich nicht aus. Bischof Erwin Kräutler trat vor 49 Jahren an, um den Menschen am Xingu das Evangelium zu verkünden. Die Geschichte des Zimmermannssohnes aus Nazareth betont, dass alle Menschen gleich sind. Oder sein sollten. Diese Geschichte erzählt Erwin Kräutler. Und weil man sie nur glaubhaft erzählen kann, wenn man für sie eintritt, kämpft er:

Gegen Großgrundbesitzer, die den Regenwald und die Menschen misshandeln. Sie haben versucht, den Bischof umzubringen. Seither lebt er mit drei Polizisten an seiner Seite. Gegen das monströse Kraftwerksprojekt Belo Monte, das seine Bischofsstadt verändert und Zehntausende Menschen vertrieben hat. Kräutler hat diesen Kampf verloren. Sie ziehen den Staudamm hoch. Jetzt ist Kleinkrieg angesagt. Jeden Meter Boden verteidigen Kräutler und seine Mitstreiter. Denn das Elend fängt ja erst an. Vielleicht ist es die größte Herausforderung, jetzt, da der medienwirksame Aufstand der Indios gegen die Kraftwerksbetreiber versagt hat, mit den Menschen am Rio Xingu Schadensbegrenzung zu betreiben.

Fürchtet Euch nicht

In seinem Reisegepäck führt Erwin Kräutler immer eine alte Bibel mit. Ganz zerfleddert ist sie. Er liest sie auf Griechisch. Wenn er heute, am 12. Juli 2014, das Tagesevangelium aufschlägt, zitiert der Evangelist Matthäus Jesus mit den Worten: „Fürchtet Euch nicht, habt keine Angst.“ Das predigt Kräutler selbst den Entrechteten und Armen, den Kleinbauern und Indios, den Prostituierten und Gaunern: Habt keine Angst, auch Ihr seid etwas wert. Als Beweis dafür teilt er ihr einfaches Leben. Heute wird er 75. Irgendwo am Amazonas. Der Vatikan wird sich wohl noch etwas gedulden müssen.