Keine Ferien in Sachen Kindeswohl

Immer mehr Familien brauchen Betreuung, ca. 240 Kinder im Unterland akut gefährdet.
Bregenz. In Alice Hagen-Canavals Büro baumelt ein schwarzer Boxsack von der Decke. Von Mitarbeitern, betreuten Kindern und Eltern wird er gleichermaßen gerne frequentiert. Er hat schon ganz schön was einstecken müssen. Auch, weil die Zahl der betreuten Familien stetig steigt. Alice Hagen-Canaval leitet den Ambulanten Familiendienst des Vorarlberger Kinderdorfs. Kinderdorf und Institut für Sozialdienste teilen sich in der Kinder- und Familienbetreuung Unterland und Oberland. Das Team des Vorarlberger Kinderdorfs betreut gegenwärtig 285 Familien im Großraum Bregenz und Dornbirn.
„Ich warte immer noch aufs Sommerloch“, sagt Hagen-Canaval. Eigentlich müsste es zu Beginn der großen Ferien ruhiger werden. Auch in der Jugendwohlfahrt draußen in den vier Bezirkshauptmannschaften ist die Erfahrung so. Aber heuer bleibt der Aufwand hoch.
Ein Drittel ist gefährdet
In den 285 Familien, die der ambulante Familiendienst begleitet, leben 711 Kinder. „Bei manchen Adressen klingeln wir zwei Mal in der Woche, andere finden mit einem Besuch der Betreuer alle drei Wochen ihr Auslangen.“ Alle kämen sie ohne professionelle Hilfe nicht mehr zurecht. Um die Notwendigkeit ihrer Arbeit zu unterstreichen, benötigt Alice Hagen-Canaval gerade mal einen Satz: „In einem Drittel dieser Familien ist das Kindeswohl akut gefährdet. Da machen wir uns wirklich Sorgen um die Entwicklung der Kinder.“
Warum das so ist und ob sich die Belastungen der Familien verschoben haben, hat das Vorarlberger Kinderdorf nun zum Gegenstand einer groß angelegten Erhebung gemacht. Der Ambulante Familiendienst wurde eben auf 30 Vollzeitbeschäftigte aufgestockt. Alle Mitarbeiter dokumentieren gegenwärtig die von ihnen betreuten Familien anhand eines fünfseitigen Fragebogens minutiös. Die Daten werden den Sommer über ausgewertet. Ein paar Antworten kennt Hagen-Canaval freilich heute schon.
Problemfeld Wohnraum
„Erst kommt das Fressen, dann die Moral“, zitiert Alice Hagen-Canaval Bert Brecht. In vielen betreuten Familien kriselt es bereits an den Fundamenten. Nicht umsonst fragt der Erhebungsbogen nach, ob unerwartete Ausgaben in Höhe von 500 Euro finanzierbar sind. Eine kaputte Waschmaschine oder der Besuch beim Zahnarzt zählt für viele Klienten zu den Angstvorstellungen. Wie viele von ihnen ausschließlich von Transferleistungen (z. B. Mindestsicherung, Wohnbeihilfe oder Arbeitslosengeld) leben, wird ebenfalls erhoben, dazu die aktuelle Wohnsituation. Denn das Wohnen zählt zu den ganz dicken Problembrocken, die Hagen-Canaval unverdaulich im Magen liegen.
„Vor allem große Wohnungen fehlen.“ Viele ihrer Klienten würden auf beengtem Raum ihr Leben fristen oder unter erbärmlichen Bedingungen leiden. Hagen-Canaval erzählt von schwer beheizbaren Räumen und Schimmel an den Wänden. „Das haben wir zuhauf.“
Freiräume fehlen
Dass den Kindern oft Freiräume fehlen – „die städtische Struktur im unteren Rheintal gibt das immer seltener her“ –wird für die Familien zudem zur Belastung. Gerade in den Sommerferien macht sich das bemerkbar.
Seelische und körperliche Gewalt erlebt Alice Hagen-Canaval als „schichtunspezifisch“. Dabei geht es längst nicht nur um Ohrfeigen oder das Hänseln der Kinder. „Vernachlässigung kann auch bedeuten, dass die Kinder quasi als Ersatz materiell überversorgt werden.“ Und dies oft, obwohl die Familie sich das gar nicht leisten kann. „Aber es gehört viel dazu, einem Kind die Playstation zu verweigern mit der ehrlichen Begründung: Das ist bei uns nicht drin.“ Davor hat Alice Hagen-Canaval größten Respekt. Das können nur wenige.
Dafür wächst die Zahl der psychischen Erkrankungen unter Eltern und Kindern stetig. Ob Aufmerksamkeitsdefizit ADHS oder Depression: „Zehn Prozent unserer Kinder haben eine Diagnose.“ Ein hoher Prozentsatz der Betroffenen muss sein Leben dauerhaft mit körperlicher Erkrankung meistern: Hagen-Canaval blättert in den Erhebungsbögen: Darmkrebs, Diabetes, Fettleibigkeit . . . „kurz, alles, was das Leben zu bieten hat“, sagt sie.
Vor allem große Wohnungen und Freiräume fehlen.
Alice Hagen-Canaval
Betreuungen
Entwicklung der Klientenzahlen im Ambulanten Familiendienst
Jahr Familien Kinder
2009 228 418
2011 244 477
2013 285 711