Ein Privileg
Noch ein Nachtrag zum Nationalfeiertag. Nein, kein verspäteter Witz über die Einsparungs-Leistungsschau des Bundesheeres. Nur eine kleine, sentimentale Anregung. Sie gelangt nicht leichtfüßig zu Papier. Wer getraut sich noch das Wort vom Wohlstand in den Mund zu nehmen, während alles rundherum von Krise spricht? Lässt sich eine Nation überhaupt loben, die ihr Identitätsgefühl an der Garderobe zum Kabarett abgegeben und den Jeton gegen ein kleines Bier eingetauscht hat? Hat sich das Wort von der Nation nicht überhaupt in all den Kriegen und Hässlichkeiten der Weltgeschichte hinlänglich diskreditiert?
Nation ist ein lateinisches Wort. In dieser alten Sprache steht es für „Geburt“. Und deshalb haben sich heute, Tage nach dem Feiertag, den abseits von Wien nur mehr wenige zur Kenntnis nehmen, einige Gedanken hierher verirrt: Darüber etwa, dass hierzulande Bus und Bahn fast immer pünktlich und in die entlegensten Winkel fahren. Man kann ohne Angst nachts auf die Straße gehen oder einen Polizisten um Auskunft fragen. In unserem Land kann man was werden. Die Schulen sind gratis. In den Spitälern brauchen Patienten ihr Essen nicht mitzubringen.
Gewiss, es gibt unendlich viel zu verbessern. Aber wir haben Muße und die Freiheit, den Status quo in aller Ausführlichkeit lächerlich zu machen. Wir halten uns die Bäuche vor Lachen oder entschädigen unsere zu kurz gekommenen Seelen, indem wir kurzerhand alle Politiker als Betrüger abstempeln. All das geht. Ja, Österreich ist ein lustiges, kleines Land. Aber es ist ein Privileg, hier geboren zu sein.
thomas@matt.vol.at, 05572/501-0
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