Jürgen Weiss

Kommentar

Jürgen Weiss

Der Namenspate

Vorarlberg / 10.11.2014 • 20:09 Uhr

Ohne den Demonstrationsaufruf der Vorarlberger Nachrichten wären vor fünfzig Jahren neben den mit einem Sonderzug aus Wien angereisten Ehrengästen wohl nur wenige Leute zur Schiffstaufe nach Fußach gekommen. Die über 20.000 Demonstranten zeigten, dass Verkehrsminister Probst mit seinem Namensdiktat für das neue Schiff in ein Wespennest gestochen hatte. In den Jahren zuvor hatte sich einfach zu viel Unmut über Proporz und Verkrustung der „ewigen“ Nachkriegskoalition von ÖVP und SPÖ angesammelt, die besonders in Vorarlberg als Bevormundung empfunden wurde. Kurz zuvor hatte sich der Protest gegen die Zustände in der Bundespolitik in einem Volksbegehren für einen freien Rundfunk entladen.

Dass der Wunsch der Landesregierung, dem neuen Schiff den Namen „Vorarlberg“ zu geben, ausgerechnet mit einem Namenspaten Karl Renner brüskiert wurde, tat noch ein Übriges. Wenn es nach dem früheren Staatskanzler gegangen wäre, hätte er 1945 – wie schon zuvor 1918 – die ohnedies bescheidene Eigenständigkeit der Länder am liebsten beseitigt. Das hatte man im Landhaus nicht vergessen. Dazu kommt, dass er nach den heutigen Maßstäben an politische Korrektheit ein fragwürdiger Namensgeber gewesen wäre. 1938 rief er vor der Nazi-Volksabstimmung über einen Anschluss an Deutschland überraschend dazu auf, mit Ja zu stimmen. Das bereitete ihm „wahrhafte Genugtuung“, obwohl ihm bekannt war, dass andere Sozialdemokraten bereits im KZ Dachau saßen. Sein Kniefall vor den Nazis hatte für ihn dann den Vorteil, dass er im Gegensatz zu anderen führenden Politikern vor Verfolgung verschont blieb und das Nazi-Regime in einer Villa in Gloggnitz aussitzen konnte.

Dort inszenierte er 1945 den nächsten Schwenk. In einem Brief an den „Genossen Stalin“ war er voll Bewunderung für die gewaltige Leistung der Sowjets und pries grenzenloses Vertrauen der österreichischen Arbeiterklasse in die Sowjetrepublik. Es ist kein Wunder, dass er daraufhin Staatskanzler für die sowjetische Besatzungszone wurde. Hoch anzurechnen ist ihm, dass er nach dem Misserfolg der Kommunisten bei der Nationalratswahl 1945 dann alles andere als sowjethörig war und für die Freiheit Österreichs kämpfte. Auch wenn er selbst kein Antisemit war, hatte auch er sich in der Zwischenkriegszeit – wie erst in den letzten Jahren dokumentiert wurde – in vielen Reden des damals üblichen einschlägigen Vokabulars bedient. Das führte inzwischen zu Diskussionen, ob der nach ihm benannte Abschnitt der Wiener Ringstraße nicht in Parlamentsring umbenannt werden sollte. Weil das 1964 vom Stapel gelaufene neue Schiff von den Demonstranten in Fußach doch noch auf „Vorarlberg“ getauft wurde, erübrigt sich am Bodensee eine solche Diskussion.

juergen.weiss@vorarlbergernachrichten.at
Jürgen Weiss vertrat das Land als Mitglied des Bundesrates zwanzig Jahre
lang in Wien und gehörte von 1991 bis 1994 der Bundesregierung an.
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