Jürgen Weiss

Kommentar

Jürgen Weiss

Nicht vergessen

Vorarlberg / 27.04.2015 • 19:38 Uhr

Das Anliegen der Bregenzer Bürgerinitiative „Mehr am See“, die Eisenbahnlinie unter die Erde zu verlegen und auf diese Weise ein attraktiveres Bodenseeufer zu schaffen, erinnert an eine Diskussion, die vor über vierzig Jahren ein politisches Erdbeben ausgelöst hat. Das damalige Projekt, mit einer Unterflurtrasse sowohl die Autobahn als auch die Eisenbahn unterirdisch am See entlang zu führen, war in den Strudel parteipolitischer und medialer Kritik geraten und brachte die ÖVP bereits bei der Landtagswahl 1969 in arge Bedrängnis. Bei der Gemeindewahl 1970 schließlich sank ihr Stimmenanteil um 17 Prozent. Prominentestes Opfer der Unterflurdiskussion war der damalige Bürgermeister Dr. Karl Tizian, obwohl er am wenigsten dafür konnte. Eine Koalition der zweit- und der drittstärksten Partei, SPÖ und FPÖ, übernahm die Macht und wählte Fritz Mayer als neuen Bürgermeister.

Vor wenigen Tagen hätte Karl Tizian seinen 100. Geburtstag feiern können. Bereits während seines Studiums in Innsbruck war er durch sein Engagement in einer katholischen Studentenverbindung ein entschiedener Gegner der Nationalsozialisten. Nach dem Kriegseinsatz übernahm er beruflich den Tabakhauptverlag seiner Mutter und bald auch politische Mitverantwortung in Bregenz. Bereits 1950 wurde er zum Bürgermeister gewählt und übte diese Funktion zwanzig Jahre lang erfolgreich aus, von 1964 bis 1974 war Tizian zudem Präsident des Vorarlberger Landtags. Auch in dieser Funktion rührte er kräftig um. War der Landtag früher organisatorisch eher ein Anhängsel der Landesverwaltung, sorgte er für eine eigenständige Infrastruktur und ausreichende Eigenständigkeit.

Tizian war eine der prägendsten Persönlichkeiten der Vorarlberger Nachkriegszeit. Sein Verhältnis zu Landeshauptmann Ulrich Ilg war allerdings nicht immer spannungsfrei. Über die Vertretung der Bregenzer Interessen hinaus, die allein schon für Gegensätze sorgte, konnte er nie verstehen, warum Ilg vom früheren Nationalsozialisten Elmar Grabherr als Landesamtsdirektor große Stücke hielt. Anhand der von Tizian geführten ausführlichen Tagebücher hat das der Historiker Leo Haffner in seinem Buch über Grabherr („Ein besessener Vorarlberg“) gut dokumentiert.

Dazu kommt als zusätzliches Spannungselement, dass Karl Tizian zwar wertkonservativ, aber in kulturellen Belangen wesentlich aufgeschlossener als die Landespolitik war. Der hohe Stellenwert von Bregenz als Kultur- und Tourismusmagnet am Bodensee ist nicht zuletzt seinem Einsatz zu verdanken. Dass nach seinem Tod vor dreißig Jahren der Platz zwischen Kornmarkttheater und Kunsthaus nach Tizian benannt wurde, hätte das kaum treffender würdigen können. Sein 100. Geburtstag soll in Bregenz auch heute nicht spurlos vorübergehen.

Er war in kulturellen Belangen wesentlich aufgeschlossener als die Landespolitik.

juergen.weiss@vorarlbergernachrichten.at
Jürgen Weiss vertrat das Land als Mitglied des Bundesrates zwanzig Jahre
lang in Wien und gehörte von 1991 bis 1994 der Bundesregierung an.