Die umstrittene Öl-Förderung

Vorarlberg / 23.07.2015 • 21:17 Uhr / 6 Minuten Lesezeit

Politik kontra Mineralöl-Konzerne: Ölkesseltausch-Förderung stößt auf Kritik.

Schwarzach. Öl ist böse, Sonne ist gut. Von der EU bis in die Gemeinden: Die Energiewende ist in aller Munde. Langenegg installierte 1999 einen Energiebeauftragten und wollte bis 2015 eine ölkesselfreie Gemeinde sein. In Vorarlberg gibt es Förderungen für Solaranlagen, die Wohnbauförderung ist an ökologische Bedingungen geknüpft. Alle ziehen am Umweltstrang. Fast alle. Die Mineralöl-Industrie verdient mehr, wenn das Öl sprudelt. Und tut alles, dass es so bleibt. Der Wirtschaftssektor fördert daher jeden, der seinen alten Ölheizkessel durch einen neuen ersetzt und somit Kunde bleibt. Politik und Wissenschaft kritisieren das – die Industrie verteidigt sich.

172 Anträge

„Vorarlberg ist ein Ölheizungsland.“ Dieser Befund stammt von Martin Reichard (49), Geschäftsführer des Instituts für Wärme und Öltechnik (IWO). Die Zahlen der Statistik Austria bestätigen das. Im Winter 2011/2012 heizte mehr als jeder dritte Vorarlberger sein Haus mit Öl. Tendenz: sinkend. Im Winter 2003/2004 tat dies noch fast die Hälfte. Dennoch: Die Förderung wirkt. Laut Reichard habe es im ersten Halbjahr 2015 in Vorarlberg 172 Förderanträge gegeben – acht Prozent mehr als im Vergleichszeitraum des Vorjahres. „Wir sind zufrieden, aber es könnte mehr sein“, erklärt Reichard. Der IWO-Geschäftsführer spricht für die Mineralöl-Industrie, sie hat das IWO ins Leben gerufen. Das IWO wiederum betreibt die „Heizen mit Öl GmbH“, welche die Förderungen ausschüttet. Die GmbH gehört den Fachgruppen der Mineralöl-Industrie und der Energiehändler in der Wirtschaftskammer. Also fördert der Staat die Ölkessel? „Nein, es sind die Unternehmen“, erklärt Reichard.

Politik kritisch

Unverständnis erntet die Förderung seitens der Politik. Vorarlbergs Landesrat Johannes Rauch (Grüne, 56) bezeichnete sie bereits vor Wochen als „wahnwitzig“. Amtskollege Erich Schwärzler (ÖVP, 62) ist nicht glücklich: „Aus Sicht des Landes sind Ölheizungen kein nachhaltiges Heizsystem. Ich sehe diese Förderung daher kritisch.“

Bis zu 3000 Euro bekommt ein Haushalt, wenn der Ölkessel ausgetauscht wird. Bei Gesamtkosten von 8000 bis 10.000 Euro eine beträchtliche Summe. Die Aktion wurde 2009 ins Leben gerufen, fast acht Millionen Euro sind seitdem geflossen. In Vorarlberg haben insgesamt 2748 Personen einen Antrag abgegeben; österreichweit waren es über 38.000. Die Ölwirtschaft spricht von einer Energiespar-Maßnahme. Falsch ist das nicht: Ein neuer Kessel arbeitet gegenüber einem aus den 80er-Jahren bis zu 40 Prozent effizienter. Gut für Umwelt und Sparschwein. Oder?

Jörg Petrasch (37) leitet die Stiftungsprofessur für Energie an der Fachhochschule (FH) Vorarlberg. Er widerspricht: „Wenn man ein Heizungssystem austauscht und es durch einen anderen fossilen Energieträger ersetzt, ist es grundsätzlich nicht nachhaltig. Ich halte das nicht für zukunftsweisend.“ Ökologisch gebe es nur zwei schlechtere Varianten: Mit Kohle zu heizen oder den alten Kessel zu behalten. Manche Haushalte hätten aber keine andere Wahl.

Josef Burtscher (55) ist Chef des Vorarlberger Energieinstituts. Er pflichtet Petrasch bei: „Wir sind gegen eine Förderung von nichterneuerbarer Energie. Aber klar, ein neuer Kessel ist immerhin besser als ein alter. Und natürlich gibt es Fälle, wo es anders nicht machbar ist.“

Darauf setzt auch die Ölindustrie. „Es ist oft kostengünstiger und effizienter. Was die Politik im Gesamten für gut hält, muss nicht für den Einzelnen gut sein“, verteidigt IWO-Chef Reichard.

Auch VKW in Kritik

Für Energieinstituts-Chef Burtscher hat die Aktion einen anderen Hintergrund: „Im Grunde ist das ein Kundenbindungsprogramm der Öllieferanten.“ Petrasch von der FH stimmt zu: „Die Branche weiß natürlich, dass sie nach einem Tausch die nächsten 15 Jahre weiter Öl verkaufen wird.“ Für Reichard ist dies höchstens ein Seitenaspekt.

Das neue Energieeffizienzgesetz des Bundes spielt ebenfalls eine Rolle. Energiedienstleister müssen Energie sparen; zum Beispiel effizientere Heizkessel einsetzen. Auch die Vorarlberger Kraftwerke (VKW)/Illwerke machen das, allerdings mit Gaskessel – was auf Kritik stößt. Zum Beispiel aus dem Energieinstitut: „Wir sind auch gegen die Gaskesseltauschförderung“, sagt Burtscher. Die Landespolitik gibt sich diplomatischer. Johannes Rauch etwa: „Gas kann höchstens eine Übergangslösung zu erneuerbaren Energieträgern sein.“ Auch Schwärzler: „Bei uns gibt es viele Gasanbieter, die einen Kesselaustausch fördern. Aus unternehmerischer Sicht ist eine Reaktion der Illwerke/VKW verständlich.“ Der Landesrat fügt hinzu: „Die Landesregierung hat sich beim Wirtschaftsminister dafür eingesetzt, dass der Tausch von Kesselanlagen für fossile Energieträger nicht mehr als Energieeffizienzmaßnahme gilt.“

In der Bregenzerwälder Gemeinde Langenegg ist diese Einstellung schon lange in den Köpfen der Verantwortlichen. Das Ziel, bis 2015 ölheizungsfrei zu sein, wurde verfehlt. „Wir beraten gratis und zeigen mögliche Alternativen auf. Einige Bewohner heizen mit Öl und mit Holz“, erklärt der Energiebeauftragte der Gemeinde, Mario Nußbaumer (44).

Am Ziel halte die Gemeinde fest, auch das Land will bekanntlich energieautonom werden. Die Mineralöl-Konzerne ihrerseits haben die Förderung für neue Ölheizkessel bis zum Jahr 2017 verlängert.

Wir sind gegen eine Förderung von nichterneuerbarer Energie.

Josef Burtscher