Die “Vielfalter” schwirren aus

Freiwillige engagieren sich bei der ersten „Vielfalterwoche“ in Natura-2000-Gebieten.
Langen am Arlberg. Die Wiese ist steil. Sehr steil. Mindestens 45 Grad, wenn nicht mehr. Der Vater von Karin Battisti-Jochum bewirtschaftete den Hang noch mit Steigeisen an den Schuhen. Die Tochter krallte sich mit nackten Zehen im Gras fest. Doch das ist lange her. „Das Bergmähder hat sicher schon seit 25 Jahren keinen Schnitt mehr gesehen“, sagt ihr Mann Paul. Der Viehbestand wurde kleiner. Da reichte das Heu, das eine Wiese hinter dem Haus abwarf. Jetzt herrscht allerdings wieder Leben in diesem extrem exponierten Gelände.
Praktische Naturschutzarbeit
Seit gestern Montag sind fünf Frauen und zwei Männer mit dem Mähen der Wiese beschäftigt. Sie engagieren sich ehrenamtlich im Rahmen der heuer erstmals stattfindenden „Vielfalterwoche“ für den Erhalt und die Verbesserung der Natura-2000-Gebiete. „Ziel der Aktion ist es zum einen, wichtige Arbeiten in diesen Schutzgebieten zu erledigen. Zum anderen wollen wir den Teilnehmern auf diese Weise die praktische Naturschutzarbeit näherbringen“, erläutert Hans W. Metzler, einer der Gebietsbetreuer der Natura-2000-Gebiete Verwall und Klostertaler Bergwälder den Nutzen der Übung. Sehr wichtig sei ihm aber auch die Freude an der gemeinsamen Arbeit und der wertschätzende Austausch mit den Grundbesitzern.
Karin und Paul Battisti-Jochum, denen der unwirtliche Bühel oberhalb von Langen am Arlberg gehört, lassen die fleißigen jungen und junggebliebenen Helfer gerne gewähren. Und die sind mit Eifer bei der Sache, wiewohl das Mähen und Aufschütteln des Grases gehörig „in die Haxen geht“, wie Karlheinz (67) lachend anmerkt. Der Psychologe wollte sich eine Auszeit nehmen und suchte dafür eine sinnvolle Beschäftigung. Bei der „Vielfalterwoche“, die über verschiedene Kanäle ausgeschrieben worden war, wurde er fündig. Nun schwingt er mit viel Elan die Sense, um den in diesem Gebiet beheimateten Spechten und Bussarden den Zugang zu Nahrungsquellen zu erleichtern. Denn diese Magerwiesen sind aufgrund ihrer Artenvielfalt nicht nur wertvolle Lebensräume, sondern eben auch Futterkammern für das in den Klostertaler Bergwäldern beheimatete besondere Gefieder.
Schneller Mähkurs
Werden Magerwiesen jedoch nicht bewirtschaftet, wachsen sie zu und verbuschen. „Waldbestand und offene Magerwiesen, wie es sie in diesem Gebiet gibt, sind rar und deshalb schützenswert“, begründet Hans W. Metzler den heroischen Einsatz aller. Doch die Arbeit zehrt sichtbar an den Kräften. Immer wieder stützen sich die Frauen und Männer auf ihre Arbeitsgeräte, aber stets darauf bedacht, nicht auszurutschen. Vor allem das Mähen ist eine mühevolle Sache, die von den meisten erst gelernt werden wollte. Diesen Teil erledigte „Sensenexperte“ Florian Winder. Bevor es ins Gelände ging, weihte er die Freiwilligen in die Geheimnisse des richtigen Sensens und Dengelns ein. Wenn schon die Arbeit schwer ist, soll wenigstens das Werkzeug scharf sein. Tatsächlich stellen sich alle richtig gut an. Bei manchen kommt der Sensenschwung zwar noch etwas hölzern daher, aber das Gras liegt, und das zählt.
Während die einen also damit beschäftigt sind, lockern andere das Gras mit Gabeln auf. Elisabeth (21) aus Wien will während der „Vielfalterwoche“ praktischen Naturschutz erleben. Johanna (21) aus Feldkirch kann die Erfahrungen im Biologiestudium nutzen und Kathrin (23) aus dem Bregenzerwald setzt in die Tat um, was sie in ihrer Bachelorarbeit den Touristen empfohlen hat: dass nämlich sie solche Arbeiten während des Urlaubs leisten könnten.
Verschiedene Stationen
In den nächsten Tagen machen die emsigen „Vielfalter“ noch in verschiedenen Natura-2000-Gebieten des Landes Station. „Wir werden im Verwall, am Ludescherberg, in Bangs-Matschels sowie im Rheindelta unterwegs sein. Die Arbeiten suchen wir in Ansprache mit den Gebietsbetreuenden und Grundbesitzern aus“, erzählt Johanna Kronberger (27), die ab Herbst die Gebietsbetreuung am Ludescherberg übernehmen wird. Marlies Sperandio (30), eine der Projektleitenden, freut sich einfach, dass „wir eine Truppe gefunden haben, die anpackt und ihren Teil zum Erhalt dieser Natur- und Kulturgüter beiträgt“.
Am ersten Arbeitstag bekam die Gruppe aufmunternden Besuch von Landesrat Johannes Rauch (56). Der nahm, ganz solidarisch, auch gleich selbst die Sense zur Hand. „Durch diese Veranstaltung erleben alle hautnah, wie wertvoll unsere Natura-2000-Gebiete sind. Außerdem schaffen sie ein Bewusstsein dafür, dass Natura 2000 keine Bedrohung ist“, meinte Rauch mit einem herzlichen Dank an die Mitwirkenden. Der Bürgermeister von Klösterle, Florian Morscher, schaute ebenfalls vorbei und organisierte spontan eine Kiste Limonade. Die war ob des harten Arbeitstages vermutlich mehr als willkommen. Nach dem Mähen, Heuen, Hacken und Rupfen kommt nämlich das redlich verdiente Genießen.

