Pflegenotstand wieder Thema

Vorarlberg / 02.08.2015 • 19:24 Uhr
Pflegenotstand wieder Thema

Österreichische
Agenturen entdecken
deutschen Markt für Personenbetreuung.

Feldkirch. Kaum ein anderes Gewerbe expandiert dermaßen wie das der selbstständigen Personenbetreuerinnen, die speziell in der 24-Stunden-Betreuung tätig sind. Zwischen 2010 und 2014 hat sich die Anzahl der ausgestellten Gewerbeberechtigungen beinahe verdoppelt. Derzeit gibt es in Vorarlberg rund 2600 aktive und 589 ruhende Gewerbeberechtigungen. Dennoch geht die Angst vor einem Pflegenotstand um.

Getrennte Gewerbe

Österreichische Vermittlungsagenturen haben nämlich den deutschen und Schweizer Markt entdeckt. Außerdem soll in Deutschland ein ähnliches Personenbetreuungsmodell eingeführt werden, wie es hierzulande existiert. „Verdienen die Frauen dort nur geringfügig mehr, sind sie weg“, befürchtet Susanne Rauch, Fachgruppenobfrau der Personenberater und Personenbetreuer in der Wirtschaftskammer. Deshalb wird auf Bundesebene mit Vehemenz an Verbesserungen gearbeitet. Ein erster Schritt wurde mit der Trennung der Gewerbeberechtigungen gesetzt. Bisher waren Vermittlung und Betreuung in einem Gewerbe zusammengefasst. „Das machte eine Unterscheidung unmöglich“, sagt Andreas Herz, Fachverbandsobmann der Personenberater und Personenbetreuer in der Österreichischen Wirtschaftskammer. Folglich konnte auch nicht gesagt werden, wie viele Vermittlungsagenturen überhaupt in Österreich zugange sind. Nun müssen sie ihre Tätigkeit bis spätestens Ende 2016 offenlegen. Über klassische Agenturen laufen laut Herz aber nur ein Drittel der Betreuungsverhältnisse. Das Gros der Frauen organisiert sich diese selbst.

Die Agenturen erhalten Ausübungsregeln aufs Auge gedrückt. Vertreter von Wirtschafts- und Sozialministerium sowie der Wirtschaftskammer arbeiten an allgemein gültigen Standards, die nach Genehmigung einzuhalten sind. Für Andreas Herz stellt das einen wichtigen Schritt hin zu mehr Qualität in diesem speziellen Vermittlungsgewerbe dar. Ebenfalls im Plan ist die Einführung eines rechtlich verbindlichen Qualitätsgütesiegels für Agenturen.

Auch die Steuerreform soll Erleichterungen bringen. „Zum einen bezahlen die Betreuerinnen keine Einkommensteuer mehr, zum anderen wird der Krankenversicherungsbeitrag reduziert“, listet Herz auf.

Angst vor Abwanderung

Ab Jänner 2016 ist zudem die monatliche Bezahlung der Sozialversicherung möglich. Das vereinfacht die Kalkulation. Personenbetreuerinnen verdienen monatlich im Durchschnitt etwa 1000 Euro netto. Des Weiteren wird eine einheitliche Webseite für Personenbetreuer und Kunden eingerichtet, auf der unter anderem die beiderseitigen Rechte und Pflichten in allen erforderlichen Sprachen nachgelesen werden können. „Wir möchten ein gutes System weiter ausbauen“, betont Andreas Herz mit Verweis auf die Abwanderungsgefahr, die aus Deutschland droht, wo es schon heute 2,6 Millionen Pflegebedürftige gibt.

Bis 2030 steigt diese Zahl auf vier Millionen. Über 70 Prozent der Menschen werden zu Hause betreut. „Deutschland braucht in den nächsten Jahren 600.000 bis eine Million Betreuerinnen“, verdeutlicht Andreas Herz die Dimension. Und auch er weiß: „Wenn die Frauen in Deutschland mehr Geld verdienen können, gehen sie eben nach Deutschland.“ Susanne Rauch ergänzt: „Sie haben keine geografischen oder sonstigen Bindungen. Ihnen ist es letztlich egal, ob sie nach Vorarlberg oder Berlin fahren.“

Dieses Potenzial haben auch Vermittlungsagenturen erkannt. Herz berichtet von Unternehmen, die 10.000 Betreuerinnen im Angebot haben. Den Bedarf für Österreich schätzt er in den kommenden fünf bis sechs Jahren auf 100.000 Personenbetreuerinnen, Tendenz steigend. Dafür sorgen die Überalterung und das Fehlen familiärer Netze. Gleichzeitig steigt in den Herkunftsländern der Betreuerinnen das Einkommensniveau. Das ist eine weitere Hürde im Kampf gegen einen möglichen Pflegenotstand, die bewältigt werden muss.

Eine andere ist das nach wie vor relativ schlechte Image der 24-Stunden-Betreuung. „Die Frauen sind zwar Teil der Gesellschaft, trotzdem werden sie von dieser kaum wahrgenommen“, bedauert Susanne Rauch. Ein anderer Problemkreis ist die Preisgestaltung. Die Empfehlung für den Stundensatz liegt bei 70 Euro. Teilweise wird aber deutlich weniger bezahlt. Eine Regelung verhindert der Selbstständigenstatus. So setzt die Wirtschaftskammer auf transparente Kostendarstellung mittels Webseite. „Dass ich für 40 Euro weniger bekomme als für 70, sollte dann klar sein“, meint Andreas Herz.

Auch männliche Betreuer

Österreichweit sind etwa 60.000 selbstständige Personenbetreuer registriert. In Vorarlberg gibt es sogar 173 männliche Personenbetreuer. Die meisten der 2637 aktiven selbstständigen Personenbetreuerinnen arbeiten im Bezirk Bregenz (31,7 Prozent), gefolgt von Feldkirch (26,8 Prozent), Dornbirn (23,8 Prozent) und Bludenz (16,9 Prozent). Sie kommen vorwiegend aus der Slowakei, Rumänien, Ungarn und Polen. Ein Drittel der 24-Stunden-Betreuung deckt der Betreuungspool ab.

Den Frauen ist es egal, ob sie nach Vorarlberg oder nach Berlin fahren.

Susanne Rauch
Pflegenotstand wieder Thema