„Wir müssen im Land eigene Wege gehen“

Vorarlberg / 30.08.2015 • 18:42 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
In der Früherziehung und Sprachförderung sieht Landeshauptmann Markus Wallner einen wichtigen Schwerpunkt. Foto: VN/Steurer
In der Früherziehung und Sprachförderung sieht Landeshauptmann Markus Wallner einen wichtigen Schwerpunkt. Foto: VN/Steurer

Landeshauptmann verlangt mehr Länderkompetenzen in der Schulverwaltung.

Bregenz. Er möchte „ideologische Scheuklappen in die Mottenkiste“ verbannen, will die Ergebnisse des Forschungsprojekts „Schule der Zehn- bis 14-Jährigen“ zuerst im Land entsprechend umsetzen, bevor sie im Nationalrat behandelt werden sollen.Er kündigt Bildungsinvestitionen des Landes für 2016 in Höhe von 18 Millionen Euro an und glaubt nicht, dass Vorarlberg trotz schlechter Platzierungen in diversen Bildungsvergleichen zu den Verlierern zählt: Landeshauptmann Markus Wallner sieht die Bildungspolitik als eine der großen Herausforderungen der Zukunft.

Vorarlberg gilt in Österreich als Pionier in Sachen Bildungsentwicklung. Beispiel Neue Mittelschule, Beispiel Forschungsprojekt. Sind Sie stolz darauf?

Wallner: Wenn Vorarlberg gesellschaftlich und wirtschaftlich auch weiterhin zu den Top-Regionen Europas gehören will, und wenn wir unseren Kindern und Jugendlichen Zukunftschancen mit auf ihren Lebensweg geben wollen, dann ist Bildung der Schlüssel dazu. Vor diesem Hintergrund ist es nur logisch, dass wir sehr viel in die Bildung investieren. 2015 sind es aus Landesmitteln 16 Millionen Euro, 2016 werden es 18 Millionen sein. Uns ist bewusst, dass wir in vielen Fragen eigenständige Wege gehen müssen, wollen wir unsere Ziele erreichen.

Und trotzdem: Vorarlberg gehört bei vielen Bildungsvergleichen bundesweit zu den Verlierern, siehe PISA, Bildungsstandards, Zentralmatura. Ist das nicht auch frustrierend?

Wallner: Von Verlierer zu reden, ist nicht richtig. Es waren auch viele gute Teilergebnisse dabei. Für die Beurteilung eines Gesamtergebnisses ist eine Beobachtung über einen längeren Zeitraum notwendig. PISA und Bildungsstandards beruhen teilweise auf Zufallskriterien bzw. auf punktuellen Situationen. Ohne etwas beschönigen zu wollen, gilt es vielmehr zu analysieren und auch aus Fehlern zu lernen.

Thema Forschungsprojekt „Schule der Zehn- bis 14-Jährigen“. Die daraus abzuleitende Empfehlung heißt Einführung einer gemeinsamen Schule – der Gegenentwurf zur jahrzehntelangen ÖVP-Ideologie. Wie kommen Sie damit klar?

Wallner: Ich habe schon immer gesagt, dass beim Thema Bildung ideologische Scheuklappen in die Mottenkiste gehören. Damit kommen wir keinen Millimeter weiter. Deshalb haben wir uns im Rahmen eines sehr tiefgehenden Forschungsprojekts über zwei Jahre Zeit gelassen, die Situation der Sekundarstufe I in Vorarlberg genau zu erheben und Empfehlungen für eine Weiterentwicklung zu erarbeiten. Ich behaupte, dass sich in Österreich noch niemand so konkrete Gedanken in dieser Frage gemacht hat wie wir. Wir tun gut daran, die fundierten Empfehlungen der Expertinnen und Experten ernst zu nehmen. Dass nicht alle damit einverstanden sind – auch in der Partei –, ist mir natürlich bewusst.

Warum sind Sie gegen eine gesetzliche Implementierung der Modellregion als ersten Schritt zu deren Umsetzung?

Wallner: Auch hier orientieren wir uns an den Empfehlungen der Experten. Sie plädieren für eine schrittweise, mittelfristige Umstellung in Richtung einer gemeinsamen Schule. Wir erstellen einen Zeit- und Stufenplan, der die nächsten Schritte und Meilensteine enthalten wird. Erst wenn wir der Meinung sind, dass wir den Bund für weitere Umsetzungsschritte brauchen, werden wir auch auf ihn zugehen.

Bei der ÖVP denken mehrere Nationalratsabgeordnete nicht daran, eine Modellregion in einem Bundesland zu unterstützen. Nicht jetzt und auch nicht später. Was kann ein Landeshauptmann da tun?

Wallner: Mir ist nicht bekannt, wer das sein soll. Aber wie gesagt, die Frage stellt sich auch derzeit noch nicht.

Sie gelten als Förderer der Ganztagsschule und haben sich zum Ziel gesetzt, bis 2018 in Vorarlberg 100 Ganztagsklassen mit verschränktem Unterricht anzubieten. Wird das ausreichen?

Wallner: Das kann ich jetzt noch nicht sagen. Tatsache ist aber, dass wir den Aufbau der ganztägigen Betreuungsformen im Rahmen unserer Möglichkeiten weiter vorantreiben werden. Die Entwicklung ist beachtlich: Im Schuljahr 2013/2014 wurden an 76 Schulen in Vorarlberg 2727 Kinder ganztägig betreut. Im Schuljahr 2014/2015 waren es bereits 7001 Kinder an 127 Schulen. Was wir beim Thema ganztägige Schulformen auf jeden Fall noch verstärken müssen, ist die Informationsarbeit. Viele Eltern fühlen sich in diesem Bereich ungenügend informiert.

Eine Endlosdiskussion gibt es über die Kompetenzen bei Bildung. Was soll der Bund haben, was die Länder?

Wallner: Die Länder haben allesamt das Angebot an den Bund gerichtet, die Verwaltung aller Lehrer in einer Bildungsdirektion zu übernehmen. Es gibt unzählige Bereiche, in denen wir täglich beweisen, dass wir das können. Neben einer Verwaltungsvereinfachung würde das auch den Schulen im Land mehr bringen. Wir kennen ihre Anliegen und können schnell darauf reagieren. Wegen jedes Bleistifts in Wien anzurufen, ist sehr praxisfremd und mühsam. Klar ist auch, dass die sonstigen Schulgesetze im Zusammenhang mit Lehrplan und Bildungszielen natürlich Bundeskompetenz bleiben.

Ihre Kollegen Erwin Pröll und Hans Niessl sind einfach aus der Reformkommission ausgetreten. Finden Sie solche Schritte angemessen?

Wallner: Das müssen Sie die Kollegen selbst fragen. Ich maße mir hier kein Urteil an. Offensichtlich hatten sie aber das Gefühl, dass die Reformbereitschaft auf Bundesseite eher unterentwickelt ist.

Die Politik von Bildungsministerin Heinisch-Hosek haben Sie im Vorjahr als „bildungspolitische Irrfahrt“ bezeichnet und ihr sogar einmal mit dem Verfassungsgericht gedroht. Wie ist das Verhältnis mit der Ministerin heute?

Wallner: In den vergangenen Monaten ist die Bildungsministerin doch eher durch eine Pannenserie aufgefallen, wie etwa bei der Umsetzung der Zentralmatura oder beim Krisenmanagement in der Causa BIFIE. Auch ihr abenteuerlicher Vorschlag, eine Mindestanzahl von 300 Schülern in der Sekundarstufe einführen zu wollen, war natürlich völlig inakzeptabel und zeugt eher von Unkenntnis über die Strukturen hierzulande. Aber generell haben wir zu allen Ressorts in der Bundesregierung eine intakte Gesprächsbasis.

Worin sehen Sie die Schwerpunkte für das kommende Schuljahr?

Wallner: Ein Schwerpunkt in der Früherziehung wird auf der Sprachförderung in Kindergärten und Volksschulen liegen. Weiters werden wir Schritt für Schritt die Empfehlungen des Forschungsprojekts umsetzen und dazu bis Ende dieses Jahres einen Stufenplan erarbeiten. Auch der weitere Ausbau von ganztägigen Schulformen – insbesondere von jenen mit verschränktem Unterricht – werden wir wie erwähnt vorantreiben. Ganz wichtig für Vorarlberg ist auch die Stärkung der dualen Ausbildung.

Wir tun gut daran, die Expertenempfehlung ernst zu nehmen.

LH Markus Wallner

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