Die Zeit ungeduldiger Erwartung

Vorarlberg / 27.11.2015 • 19:29 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Die Kirche lädt im Advent ein, für ein paar Augenblicke zu sich zu kommen . . . und damit auch zu Gott.  Foto: Thomas Matt
Die Kirche lädt im Advent ein, für ein paar Augenblicke zu sich zu kommen . . . und damit auch zu Gott. Foto: Thomas Matt

Im Advent befasst sich die Kirche mit unbequemen Texten unbequemer Menschen.

schwarzach. Morgens um fünf ist die Welt vor allem dunkel. Und sehr kalt. Das allgegenwärtige „Jingle Bells“ hat neben Glühwein vor Stunden noch die Besucher des Weihnachtsmarktes erwärmt. Die Gestalten, die jetzt den Hügel zur Rankweiler Basilika emporstapfen, werden mit Kerzen vorliebnehmen. Und andere Lieder singen. Sehr alte Lieder. „O Heiland, reiß die Himmel auf“ zum Beispiel. So wird am 3. Dezember um 05.30 Uhr Pfarrer Walter Juen in der Rankweiler Basilika die Rorate-Messe eröffnen. Der Jahrgang 1955 hat diesmal die Gestaltung übernommen. Manche Vorarlberger Pfarrgemeinden feiern vor Weihnachten einzelne Frühgottesdienste, andere halten den ganzen Advent über „Frühschicht“. An der übrigens erstaunlich viele junge Menschen teilnehmen.

Ursprünglich Fastenzeit

Dem Kaufrausch allerorten hält die Kirche tapfer ihren ganz anderen Advent entgegen. Immerhin: Sie war ja zuerst da. Man will’s kaum glauben. Aber der tiefere Sinn des Advents liegt nicht tief im Punschkrapfen verborgen. Im Gegenteil. Vor mehr als 1500 Jahren hielten Christen in den Wochen vor Weihnachten vor allem Fastenzeit. Das hatte mit der Taufvorbereitung zu tun. Neben Ostern galt Weihnachten als großer Tauftermin. Und die Taufe – also die Aufnahme neuer Christen – war ohne lange Vorbereitungszeit undenkbar.

Heute sind es zwei Gedanken, die in den Kirchen während des Advents breiten Raum einnehmen. Einmal erinnern Weihnachten und die Zeit davor 2,3 Milliarden Christen rund um den Erdball an die Geburt ihres Erlösers. Zum anderen aber erwarten sie seine Wiederkunft. So wie die Juden überhaupt heute noch auf die Ankunft des Messias warten.

Diese Erwartung klingt in allen Texten durch, die während der Adventzeit gelesen und gesungen werden. Das trägt manchmal endzeitlich-mystische Züge, wenn etwa der Evangelist Lukas schreibt: „Es werden Zeichen sichtbar werden an Sonne, Mond und Sternen.“ Oft überbordet der Barock, dann sind die Bilder süßlich und liegen schwer im Magen. Andere Texte erzählen schlicht vom Leben und von der Not.

Das Lied „O Heiland, reiß die Himmel auf“ hat der Jesuit Friedrich Spee um 1622 geschrieben. Vier Jahre dauert da der Dreißigjährige Krieg schon. Spee lebt in Mainz. Allein 1622 ziehen sechs Heere durchs Umland. Not, Hunger, Vergewaltigung, Tod und die Pest – so fühlt sich der Alltag an. So wird er noch ein Vierteljahrhundert lang bleiben. Unsicherheit und Angst regieren das Land. Spees Lied ist herb. Die Wolken sollen brechen, um den König auszuregnen, die Erde ausschlagen und der Erlöser als Blümlein aus der Erde springen. Die Bauern dürften ihn gut verstanden haben. Statt rosiger Engelsköpfe gebraucht er Metaphern für ein bodenständiges, sehnsuchtsvolles Leben.

Das Lied erzählt von der ungeduldigen und energischen Sehnsucht des Propheten Jesaja. Propheten waren zu allen Zeiten unbequeme Gesellen. Sie rütteln an Gewohnheiten. Jesaja und Spee bilden da beide keine Ausnahme. Spee hat unter Lebensgefahr die Hexenprozesse seiner Zeit angeprangert und wandte sich gegen die bequeme Lösung durch Sündenböcke. Der Prophet aus dem Alten Testament, Jesaja, nimmt die Trägheit aufs Korn. Die Faulheit, die sich damit abgefunden hat, dass sich eh nichts ändern lässt. Nichts an den Zuständen der Welt, nichts an mir selber. Er kann dieses lasche Dahin-Dümpeln nicht mehr ertragen. Deshalb soll es den Herrn vom Himmel regnen. Damit die Menschen endlich aufwachen.

Tage voller Sehnsucht

Mit dem 1. Advent beginnt die Kirche nicht nur ein neues Kirchenjahr. Es bricht im christlichen Verständnis auch eine Zeit der Sehnsucht an. Der Innsbrucker Theologie Wilhelm Guggenberger schreibt: „Die Sehnsucht des Advents ist nicht nur stilles Warten darauf, dass schon etwas passieren wird. Ungeduldig hämmert sie an das verhärtete Herz und die versteinerten Sachzwänge, auch wenn das unbequem ist. Vor allem aber ist sie energisch, indem sie es wagt, sich hinzustellen vor Gott und zu fordern, dass er etwas aufbricht, ins Fließen kommen lässt, zu fordern: Reiß doch den Himmel auf, zuallererst den bleiernen Himmel in mir.“

1. Adventsonntag in der Kirche

» An den vier Adventsonntagen werden in den christlichen Gottesdiensten besondere Texte aus der Bibel gelesen. Katholiken und Protestanten setzen dabei unterschiedliche Akzente. Die evangelische Gemeinde liest am 1. Adventsonntag das Evangelium vom Einzug Jesu in Jerusalem (Mt 21, 1-9). Die Lesung gedenkt der Wiederkunft Christi: „Die Nacht ist vorgerückt, der Tag aber nahe herbeigekommen“. (Röm 13-14).

» Der katholische Gottesdienst stellt den 1. Adventsonntag ganz unter das Thema der Wiederkunft Christi. Im Drei-Jahres-Rhythmus werden verschiedene Texte aus dem Neuen Testament gelesen, heuer stammen die Sätze aus dem Lukasevangelium Lk 21,25-28.34-36). Als Lesung wird ein Auszug aus dem Brief des Apostels Paulus an die Thessalonicher verwendet, Thess 3,12-4,2.