Digitale Aufklärung für Kinder

Vorarlberg / 06.06.2016 • 19:01 Uhr
Die Sozialarbeiterin und Psychotherapeutin Sigrid Hämmerle-Fehr ist seit 1998 im IfS-Mühletor.  Foto: VN/Hofmeister
Die Sozialarbeiterin und Psychotherapeutin Sigrid Hämmerle-Fehr ist seit 1998 im IfS-Mühletor. Foto: VN/Hofmeister

Mühletor-Chefin Sigrid Hämmerle-Fehr spricht über Gewalt, Aggression und Smartphones.

Feldkirch. Jugendliche richten ihre Aggression vermehrt gegen sich selbst, sagt Sigrid Hämmerle-Fehr, Leiterin der IfS-Stelle Mühletor in Feldkirch. Sie können sich etwa gänzlich zurückziehen. Die Sozialarbeiterin verdeutlicht das mit einem besonders drastischen Fall. Aufklärung sei wichtig, auch im Umgang mit Smartphones.

Ist die Jugend von heute gewalttätiger als die Jugend vor 30 Jahren?

Hämmerle-Fehr: Nein, das merken wir nicht. Etwas anderes hat sich verändert. Viele Jugendliche haben das Bedürfnis, in der Menge unterzugehen. Sie wollen gleich sein. Wenn man Klassenfotos von Schülern im Alter von 14 Jahren ansieht, merkt man, dass die Mädchen die gleiche Frisur haben, die Kleidung ist aus demselben Geschäft und sieht ähnlich aus. Alles, was raussticht, ist den Jugendlichen peinlich.

Rebelliert die Jugend nicht mehr gegen Erwachsene?

Hämmerle-Fehr: Nicht mehr nach außen. Es geschieht anders, indem Jugendliche Dinge machen, in die Erwachsene keinen Einblick haben. Wir stellen noch etwas fest: Der Leistungsdruck hat zugenommen. Wenn Jugendliche merken, dass sie die hohen Ansprüche nicht erfüllen, kann das mit Aggressivität kompensiert werden. Dabei kann sich die Aggression auch gegen einen selbst richten, zum Beispiel in Form von Schulverweigerung oder eines völligen Rückzugs.

Wie sieht dieser Rückzug aus?

Hämmerle-Fehr: Ich habe Fälle gehabt, in denen sich junge Erwachsene monatelang in ihr Zimmer eingeschlossen haben. Einer sogar mehrere Jahre. Das war ein Totalrückzug, er ist kaum rausgegangen.

Wie endete dieser Fall?

Hämmerle-Fehr: Ich habe ihn nie persönlich getroffen, sondern nur durch die Türe mit ihm gesprochen. Er ist nur raus, wenn seine Mutter nicht da war. Sie hat manchmal aus dem Zimmer Flaschen entsorgt. Leere, die er ausgetrunken hat, und solche mit einer gelben Flüssigkeit. Nach einem Jahr wollte ich sie bestärken, zumindest seinen Handyvertrag zu kündigen. Sie konnte diese Grenze nicht überschreiten und hat die Zusammenarbeit beendet. Das ist ein Jahr her. Er wird jetzt 20 Jahre alt sein, und ich bin mir ziemlich sicher, dass er immer noch im Zimmer sitzt. Das ist ein extremes Beispiel, aber in Abstufungen gibt es viele Jugendliche, die in dieser Form aggressiv gegenüber sich selbst sind.

Wie sieht Aggressivität aus, die sich gegen andere richtet?

Hämmerle-Fehr: Mobbing in der Schule war schon immer ein Thema, Cybermobbing ist relativ neu. Da passiert viel mit Smartphones. Das müssen gar keine Beschimpfungen sein. Es kann zum Beispiel sein, dass jemand aus der Klassen-Whatsapp-Gruppe ausgeschlossen wurde oder eine Parallelgruppe eingerichtet wird.

Schlägereien gibt es nicht mehr?

Hämmerle-Fehr: Natürlich gibt es immer noch Jugendliche, die mit Aggression nicht umgehen können und klassisch in Schlägereien geraten. Alkohol spielt dabei oft eine Rolle.

Wissen Eltern, was mit einem Smartphone möglich ist?

Hämmerle-Fehr: Jugendliche bekommen mit dem Smartphone quasi die ganze Welt ins Kinderzimmer. Das müssen Eltern erst einmal verstehen.

Wie sollen Eltern damit umgehen?

Hämmerle-Fehr: Es gibt die Empfehlung, mit Kindern im Alter um die zehn Jahre mit einem normalen Handy zu starten. Erst, wenn das Kind ein bis zwei Jahre älter ist und merkt, welche Risiken ein Telefon mit sich bringt, kommt langsam das Smartphone. Damit sollte eine digitale Aufklärung einhergehen, wie die sexuelle.

Sollen Eltern kontrollieren, was Kinder machen?

Hämmerle-Fehr: Eltern können mit ihren Kindern abmachen, ab und zu mal ins Smartphone schauen zu dürfen. Sie stören nicht die Privatsphäre, wollen aber sehen, wie die Kinder das Telefon nutzen und wie sie in Whatsapp-Gruppen miteinander umgehen.

Es gibt sogar Überwachungsapps. Wo ist die Grenze zwischen Vertrauen und Kontrolle?

Hämmerle-Fehr: Das ist furchtbar, da muss das Vertrauen schon größer sein.

Zur Person

Sigrid Hämmerle-Fehr,

leitet die Streetwork-Stelle Mühletor des IfS (Institut für Sozialdienste)

Geboren: 15. November 1974

Ausbildung: Sozialpädagogin und Psychotherapeutin

Laufbahn: Seit 1998 im IfS Mühletor

Wohnort: Feldkirch